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Juliette Bohuslav Martinu Staatsoper Berlin Rolando Villazon Zeichnung

„Kein AAAA – MMMM!!!“: Rolando Villazóns – oder Daniel Barenboims? – Kommentar zu Juliette / Foto: twitter.com/StaatsoperBLN

Juliette.

Komponist: Bohuslav Martinů (geboren 1890, lernt ab 1923 bei Roussel in Paris). Die Oper komponiert: 1938.

Man braucht die Handlung nicht zu erzählen. Nur so viel. 1. Die Realität ist löchrig wie Schweizer Käse. 2. Die Handlung verläuft so geradlinig wie ein Haufen Spaghetti. 3. Das Motto könnte lauten: Traue unter den geschilderten Umständen keiner Frau, und räkele sie sich noch so ausgiebig auf der Picknickdecke, wie Magdalena Kožená dies tut.

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Rolando Villazón vor Claus Guth: Bohuslav Martinůs Juliette hatte an der Staatsoper Berlin Premiere / Foto: Monika Rittershaus / staatsoper-berlin.de

Kann so was gute Oper sein?

Ja, aber hallo. Akt 1 und 2 finde ich sehr kurzweilig. Akt 3 ist auf ergreifende Weise traurig. Doch ebenso wichtig ist Folgendes. Der Staatsoper Berlin und Regisseur Claus Guth gelingt die vielleicht konziseste Neuproduktion der Berliner Opernsaison. Der mit Luken, Türen und Klappen gespickte Würfelraum ist voller kartonhafter Leichtigkeit (Alfred Peter), seine Durchlässigkeit für surrealistische Gags trägt die Sänger auf eine fast zärtliche Art durch die Oper. Claus Guths Einfachheitspathos macht aus dem 3. Akt eine strenge Sinfonie aus Licht und Nebel. So was hätte ich mir für den 3. Akt Götterdämmerung gewünscht.

Magdalena Kožená singt die rätselhafte Juliette mit viel Herzblut und glockenhafter Klangschwere. Ihr Mezzosopran schwingt intensiv. Ihr Spiel ist sprechend wie je. Die Bühnenpräsenz umweht die Tragik unglücklicher Leidenschaft. Koženás Timbre ist so schwer wie Baumharz. Die Sängerin ist Tschechin. Sie mag es bedauern, dass nicht die tschechische Fassung („Julietta“) gespielt wird.

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Magdalena Kožená beschäftigt sich mit Rolando Villazón / Foto: Monika Rittershaus / staatsoper-berlin.de

Rolando Villazón singt Michel, einen ebenso sympathischen wie tollpatschigen Pariser Buchhändler. Kaum betritt Villazón die Bühne, ist ihm (und uns) sofort unklar, ob er träumt, lebt oder gar tot ist. So viel zu Keep it simple. Dabei ist dieser Michel eine fordernde Mordspartie. Der dritte Akt ist eine One-Man-Show (Eigentlich  müsste die Oper „Michel“ heißen). Villazón packt das sehr gut. OK. Die Höhe hat so viel Fruchtfleisch wie eine ausgetretene Bananenschale. Zwei Stellen sind inakzeptabel. Doch in der Mitte hat Rolando Villazón die Farbpalette, die verzückt, den tenoralen Schmelz, der einen umbläst. Villazóns insistierendes Deklamieren (= der emotionale Dauerdruck seines Singens) trägt den Zuhörer voltenreich durch das Gestrüpp der surrealistischen Handlung hindurch. Villazóns Französisch hatte ich besser in Erinnerung. War sein Weltallmäßiger-Sensations-Don José von 2006 nicht piccobello in dieser Hinsicht?

Der stupende Thomas Lichtenecker singt mit weiß vibrierender Intensität den Kleinen Araber und den jungen Matrosen. Wolfgang Schöne gibt dem Alten Araber vokale Würde, und er ist ein prächtiger Altvater Jugend. Tenor Richard Croft ist ein vergesslicher Kommissar (wie auch ein bedrohlicher Waldhüter). Elsa Dreisig singt u.a. die eifrige Handleserin. Adriane Queiroz singt unüberhörbar die Fischverkäuferin. Arttu Kataja ist der Mann mit Helm sowie im 3. Akt der weitmantlige Verkäufer der Erinnerungen. Jan Martiník ist der Mann am Fenster sowie der gruselige Nachtwächter (wie schon in den Meistersingern). Natalia Skrycka (2. Herr) und Florian Hoffmann (Lokführer) vervollständigen das Ensemble.

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Bei so viel Nebel weiß selbst Rolando Villazón nicht mehr weiter / Foto: Monika Rittershaus / staatsoper-berlin.de

In der Staatskapelle Berlin blüht es wie zur IGA. Farbe! Buntheit! Straffheit! Geschmeidiges Blech und seidige Streicher tummeln sich, wohin das Auge schaut. Das Holz ist zielstrebig. Daniel Barenboim fasst die Farben präzis. Die wenigen Stichflammen des Orchesters vibrieren vor innerer Kraft. Die Leitmotiv-artigen Hornfanfaren mäandern traumverloren durch das Schillertheater. In der Musik Bohuslav Martinus findet man die sinnliche und komprimierte Gestik Debussys, man findet straffen Ratter-Prokofjew, man findet Janáček-Intelligenz – doch in etwa so, wie man in Brahms oder Bruckner Beethoven findet.

Mit einem Wort: Es ist ein Vergnügen.

Wie Bohuslav Martinůs „lyrische Oper“ Juliette mit einem weniger außerordentlichen Ensemble, unter einem weniger fabelhaften Dirigenten, in einer weniger genialen Inszenierung klingt und aussieht, ich weiß es nicht. Für DIESE Berliner Juliette gebe ich zwei ganze Tristans hin.

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