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Tosca Schillertheater Anja Kampe Fabio Sartori

Tosca im Schillertheater / Foto: Schlatz

Alvis Hermanis inszeniert nicht eine, sondern zwei Toscas. Eine Bühnen-Tosca, und eine Comic-Tosca. Die Bühnen-Tosca spielt Anno 1900. Die Comic-Tosca spielt Anno 1800. Anno 1900 sehen wir Gehröcke der Puccini-Zeit. Anno 1800 sehen wir liebliche Tiber-Veduten vor himmelblauem römischem Himmel.

Auf der Bühne steht ein Plus-Size-Architekturmöbel Marke römischer Barock. Kristine Jurjane hat die Comics aquarellig in Szene gesetzt, als wär’s ein Neo Rauch. So übel ist die Inszenierung nicht, wie einen die Berliner Zeitungen anlässlich der Premiere im Herbst 2014 weis machen wollten. Irgendwie funktioniert das so, wie Hermanis es will. Hier ostentativ statisches Herumgestehe, mit dem die Sänger dicksten Bühnen-Beton anrühren, und dort Bilder einer höheren Reality, die sich in den Postkarten-gleichen Illustrationen widerspiegelt. Als wären die Zuhörer Touristen in einer Tosca-Safari. Bei Hermanis bekommt man statt einer Tosca plötzlich zwei, einmal als Comic-Double und einmal die echte Bühnen-Tosca. Das hat doch was.

Fabio Sartori Anja Kampe Staatsoper Berlin

Mario! Mario! Mario! Fabio Sartori und Anja Kampe singen um ihr Leben / Foto: staatsoper-berlin.de / Hermann & Clärchen Baus

Musikalisch ist diese Tosca nicht von schlechten Eltern. Tosca Anja Kampe hat die Kraft der Höhe und die Kraft der Tiefe – von letzterer fast noch mehr. Sie hat das Herz einer Künstlerin und die Stimme einer Tosca. Anja Kampe gelingt es, „Vissi d’arte“ mit einem einzigen dramaturgischen Bogen zu überwölben. Jede Silbe ist Teil eines befriedigenden Ganzen. Kampe holt die Leidenschaft aus Wissen um die Architektur der Gesangslinie. George Gagnidze, der für Falk Struckmann einspringt, gibt dem Lustmolch Scarpia seinen sadistisch vibrierenden Bariton. Fabio Sartori lässt den Pavarotti raus. Sein Tenor ist italienisch bis zum Anschlag: kompakt, plastisch, auf eine etwas altertümliche Art glutvoll. Sartoris metallische Schmetter-Höhe erreicht im Schillertheater schmerzende Phonstärken. Es soll Sänger geben, die moderner agieren. Ja, gibt es. Der zu Tode erschöpfte Angelotti wird von Grigory Shkarupa gesungen, der Mesner von Jan Martiník. Florian Hoffmann ist Spoletta, Vincenzo Neri Sciarrone. Dominic Barberi verkörpert den  Kerkermeister, Johannes Wenzel den Hirten.

Dirigent Domingo Hindoyan pimpt das Blech mit plakativer Strahlkraft auf. Die großen Linien liegen Hindoyan nicht. Seine Tosca klingt nervös, hektisch. Das kann ruppig klingen. Hindoyan gibt gerne Gas. Doch gerade orchestrale Nebenschauplätze wie Zwischenspiele und Überleitungen haben allererste Qualität.

Fazit: sehenswert, hörenswert.

Kritik der Tosca 2016 mit Angela Gheorghiu.

Anaja Kampe, Fabio Sartori, George Gagnidze, Domingo Hindoyan

Händchenhalten im Schillertheater: Fabio Sartori, Anja Kampe, George Gagnidze / Foto: Schlatz

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