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Andris Nelsons Berliner Philharmoniker Wagner Parsifal Vorspiel Karfreitagszauber Bruckner Sinfonie Nr. 3 Philharmonie Berlin

Andris Nelsons bei den Berliner Philharmonikern / Foto: twitter.com/pablolrguez

Die ersten Takte Parsifalvorspiel rufen Karajan-Gefühl hervor (1984, Peter Hoffmann).

Parsifal ist ja Glaubensfrage. Nicht nur wegen des Grals, sondern wegen des Tempos. Aber es gibt neben der Tempofrage (Nelsons ist da vom langsamen Volk, aber Knappertsbuschs Trödeln bleibt unangefochten) auch eine Religionsfrage.

Nelsons interessiert der Gral nicht die Bohne.

Nelsons tickt anders, will nur Musik machen, und zwar auf eine tief befriedigende Art. Harten Wagneristas bereitet das Akzeptanzprobleme. Das ist an diesem Samstagabend ein Karfreitagszauber, wie man ihn nie in der Oper hören wird. Jamais. So detailversessen, so prozessverschleppend, so mit lettischer Gründlichkeit zerfasert. Diese phantastisch ausdetaillierten Streicherschlenker legen nahe, dass Gurnemanz nicht anders als nach durchzechter Nacht mit planlosem Katerblick auf seine „grüne Au“ blickt. Aber wo Albrecht Mayer Oboe spielt, da braucht es eigentlich auch keinen Gurnemanz. Herrje. Das klingt wie Disneyland. Aber das hat alles Berechtigung. Gab’s das Karfreitagsmotiv schon mal so seraphisch beseelt?

Auch das atmende Geschiebe von Holzbläsern und Streicherfäden lebt, genau dann, wenn auf der Bühne Gurnemanz sein „Du siehst, das ist nicht so“ singt. Kann man, muss man hier sagen: Ist das Kitsch? Echter Nelsons’scher Kitsch? Ja, Wagners Architektur schmilzt wie Eiscreme in der Sonne. Linie als Selbstwert? Jamais. Hin- und hergerissen zwischen Stirnrunzeln und Faszination, scheint mir Nelsons Wagner schlussendlich doch sehr hörenswert zu sein. Nelsons säkularisiert Parsifal. Das haut im Karfreitagszauber besser hin als im Vorspiel zum ersten Akt, das mehr vom Stallgeruch der christlich-mystischen Sphäre zehrt. Aber ich bleibe dabei. Der Karfreitagszauber ist sozusagen in Musik übertragene, Finessen- und Schönheits-gespickte Crème fraîche.

Nelsons dirigiert Wagner mit Partitur, akkurat umblätternd.

Bruckner Sinfonie Nr.3.

Wenn Nelsons auf musikalischem Gebiet etwas liebt, so die Schinken, die Schwarten. Strauss, Schostakowitsch, Alpensinfonie, Heldenleben etc. Es passt schon, dass Nelsons gerne in Bayreuth dirigiert.

Nelsons bespielt die Dritte wie erwartet scharf fordernd.

Der Sinn des lettischen Dirigenten für Lebendigkeit sorgt eben auch immer für Hochleistung jenseits von Bruckner-Erwartungen. Wunderbar der blühende Verlauf des zweiten (kantablen) Themas im Kopfsatz. Auch wenn knallige Tempowechsel, ruppige Überleitungspartien und auch das hart angefasste dritte Thema in Satz 1 oft hart am Effektvollen vorbeischrammen, entsteht meist großes, beeindruckendes Orchester-Al-fresco.

Wunderschön der Einstieg in die Durchführung: ungeduldig, kein misterioso. Die Scheinreprise atmet effektvollen Glanz aus (ebenso übrigens der Höhepunkt im Adagio). Andris Nelsons scheint mir Bruckners Dynamismus noch zu vordergründig zu sehen. Aber in der Reprise dürfen sich die Streicher dann des zweiten Themas unnachahmlich weichatmig annehmen. Der kraftvolle Schluss des Satzes verrät das Tannhäuser-Gen, das in Bruckners früher Sinfonik sitzt. Andris Nelsons ist ein Anwalt des Brausenden, des Jungen in Bruckner.

Höhepunkt dürfte das Adagio sein, vor allem wegen der formidablen Geigen, die in einer Stimme mehrere Timbres zulassen. Überhaupt schienen mir die Streicher bei Nelsons‘ vergangenen Konzerten nicht so frei und flüssig zu fließen wie heute. Noten werden locker ausgefüllt, bleiben frei beweglich. Das riecht mehr nach Yoga als nach Krafttraining, auch wenn Nelsons am Pult das Gegenteil suggeriert. Die Streicher-Pizzicati sind für mich der Inbegriff des „Nelson-Tempos“. Das klingt, als würde der Komponist dirigieren.

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