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Stanislaw Skrowaczewski Bruckner Sinfonie Nr. 8 Berlin Philharmonie

Applaus für Stanislaw Skrowaczewski: Das RSB spielt Bruckners Sinfonie Nr. 8 in der Berliner Philharmonie

Stanislaw Skrowaczewski leitet.

Skrowaczewski ist hager, 92, der Kopf bleibt gesenkt. Er trägt Fliege. Er scheint über den Applaus aufrichtig erfreut.

Stanislaw Skrowaczewski hat diese mühelose Art, mit Bruckner zu kommunizieren. Obwohl sein Dirigieren inzwischen kryptischem Gefuchtel gleicht.

Die Bruckner Achte ist ja ein Fall von „Schöner leben mit schrägen Dingen“. Skrowaczewski versachlicht Bruckner.

Beispiel zweites Thema erster Satz: Das Thema (zwei Viertel, drei Vierteltriolen, eine Halbe, ausnahmslos aufsteigende Sekundschritte) erscheint schlank, rasch. Oder die Reprise. Sie wirkt hell, nicht massiv. Im immerhin dreifachen Forte zeichnen sich die Trompeten scharf ab. Überhaupt höre ich die die meisten Stimmen hell abgegrenzt. Neben die Tendenz zur Versachlichung tritt eine Art Erhitzung. Beispiel: Coda des ersten Satzes, die außerordentlich gelingt. Da ist sachliches, trockenes Feuer, eine Erhitzung, die die Struktur meint.

Das Adagio atmet eine von Sachlichkeit inspirierte Gelassenheit. Friemelei an Details kümmert Skrowaczewski nicht mehr. Zu viel Schärfe im Mikrobereich stört das große Ganze. Das Thema des dritten Satzes setzen die Musiker vom RSB als sachliche Entrada. Hier hört man das dreimalige Ansetzen jeder einzelnen Note – richtig, denn der Phrasierungsbogen kommt erst beim Sekundschritt danach (Thielemann ließ 2008 durchspielen). Das Sekundmotiv des Themas verzichtet beim Crescendo auf dem ersten ‚as‘ auf jegliche sinnliche Stauung (Skrowaczewski denkt hier so un-Wagnerisch wie möglich). Und die folgenden, absteigenden Achtel („breit gestrichen“) dürfen ohne Tempomodifikation bleiben. So genau spielt man. Anstatt von exakter (Ausführungs-)Präzision kann man beim RSB heute von weicher Präzision sprechen. Wie so was klingt, hört man an den Sechzehntel-Umspielungen des Themas der Bratschen (während der Durchführung des Themas), die locker, fast verwaschen klingen und in denen doch rhythmisch und idiomatisch alles richtig gemacht wird.

Überhaupt das Finale. Hier hantiert Bruckner mit Themen wie Obelix mit Hinkelsteinen. Einschränkungen hinsichtlich der heutigen Interpretation würde ich beim Hornthema machen, mit dem die Durchführung beginnt. Da fehlt Charme. Und dem Satzschluss gelingt der alle Teile umfassende und über sich hinaustragende Steigerungsbogen nicht vollständig.

Skrowaczewskis Tempo ist im ersten Satz auf Blomberg- und Thielemann-Level, also ohne große Überraschungen. Im Adagio ist Skrowaczewski sehr langsam, langsamer als Thielemann (aha!), langsamer als Karajan (ja, klar), langsamer als Jochum (auch klar). Das Rundfunk-Sinfonieorchester Berlin setzt die Intentionen des polnischen Dirigenten mit wünschenswerter Deutlichkeit um.

Während des Schlussapplauses hat Skrowaczewskis Mühsal bei der Bewältigung des Weges zurück aufs Podium etwas rührend Tapferes. Skrowaczewski steckt seine Nase kurz in die Blumen. Die Fliege steht ihm. Er freut sich in der Tat aufrichtig.

Fazit: eines der besten Bruckner-Konzerte der letzten Zeit.

Eine weitere Kritik: Klar monumental: Stanisław Skrowaczewski beim RSB mit Bruckners Achter

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