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Rosenkavalier Deutsche Oper Berlin: Marschallin Michaela Kaune, Oktavian Daniela Sindram, Sophie Siobhan Stagg

Rosenkavalier Deutsche Oper Berlin: Marschallin Michaela Kaune, Oktavian Daniela Sindram, Sophie Siobhan Stagg / Foto: twitter.com

Der Götz-Friedrich-Rosenkavalier von 1993.

Dieser Rosenkavalier ist leicht und flüssig im Erzählen, er posaunt Hofmannsthals feinsinnige Doppelbödigkeiten („Die Zeit, die ist ein sonderbar‘ Ding“) nicht heraus, ist optisch durchaus eigensinnig (royalblaue Vorhänge, schwarz verspiegelter Faninal-Palais, himmelblaues Beisl-Mobiliar) und substantiell in der Personenführung (Ausnahme: die zappeligen Knallchargen im zweiten Akt). Der dritte Akt, oft als beknackter Mummenschanz der schwächste, ist heuer der beste. Kurz: Götz Friedrich lässt dem Duo Strauss/Hofmannsthal seinen Retro-Spaß, aber Friedrich ist ein kühler, genau beobachtender Erzähler, der mit scharfem Auge ein Zuviel an Rokokosilber und Walzerwehmut unterbindet.

Michaela Kaune singt Feldmarschallin. Kaune spielt dezent, das passt zur feinen Stimme, deren feinliniges Vibrato (das expressiv eingesetzt, auch weiter schwingen kann), deren spinnwebfeine Deklamation fast zu instrumentalem Singen führt, dabei ist das Timbre leicht schimmernd, der Sopran berückend in der Höhe, ohne dass Michaela Kaune auf die sentimentale Tube drücken müsste, um eine melancholische Wienerin auf die Bühne zu stellen. Ihr Sopran ist relativ leicht – im Finale des dritten Aktes ist sie eher unter dem Orchester zu finden als über ihm. Kaune sprang für Anja Harteros ein, die eine ihrer Lieblingsrollen spielt, nämlich die Titelrolle mit Namen „Ich bin krank“ in der tragischen Oper „Die große Abwesenheit“.

Daniela Sindram singt Octavian. Der Klang, besonders auffällig ist die dunkle Farbpalette in Mitte und Tiefe, ist reich, und Sindram hat die Töne für die seelische Erschütterung der Finalszene in Akt drei. Dass sie der Mariandl der Beisl-Szene nichts schuldig bleibt, belohnt das Publikum auf der Bühne mit Lachern und vor dem Vorhang mit Bravi.

Siobhan Stagg ist eine resolute Sophie, die auf die Faux-pas des Ochs mit entschiedenem Fußstampfen antwortet, stimmmäßig ist Stagg ein Sopran à la „Schultern wie ein Henderl“, von einem absolut weiß-leichten Soprantimbre. Die Höhe ist alles andere als üppig gebaut, eher gratschmal, dabei aber präzise und frei im Ausdruck – frei nach dem Motto: wenn schon Backfisch, dann aber übersprudelnd vor Temperament.

Albert Pesendorfers Ochs ist kein Ösi-Depp und -Trottel, sondern stattlicher, gerade gewachsener Landadel. Stimmlich betont Pesendorfer das Singen (wenn es auch gewaltigere Ochs-Bässe gibt), er hält sich fern vom Überzeichnen. Bewundernswert ist die gute, flinke Deklamation. Gut: Mit Pesendorfers Charakterisierung des Faninal als „Bagatelladeligen“ ist man sofort einverstanden.
Michael Kupfer-Radecky gibt den neureichen Faninal, der vor Skandal-Angst nur so vibriert. Matthew Newlin ist ein prägnanter Sänger.

Die Leitmetzerin singt Fionnuala McCarthy, den schnieken Valzacchi singt Patrick Vogel, Annina die gut hörbare Stephanie Lauricella. Der kernige Polizeikommissar ist Seth Carico, die spielfreudigen Haushofmeister sind Peter Maus und Jörg Schörner. Sonst singen Noel Bouley (Notar), Matthew Peña (recht dünn, Wirt, Tierhändler), Thomas Lehman (Hausknecht), Alexandra Hutton (Modistin), Frank Sufalko (Almosenier), Olli Rantaseppä  ist ein prachtvoller Leopold. Die drei knallbunt gekleideten Waisen singen Sabine Dieckmann, Gabriele Goebbels, Christa Werron. Die Mutter ist Satu Louhi. Die vier Lakaien singen Haico Apel, Ulrich George, Tadeusz Milewski, Rüdiger Scheibl. Die vier Kellner singen Ralph Eschrig, Mike Fischer, Heiner Boßmeyer, Imma Nagne Jun.

Ulf Schirmer leitet. Es geht ohne Schwitzen, das ist weit entfernt von neudeutsch-großorchestral. Schirmers Rosenkavalier ist locker und sicher in der Textur und bisweilen behaglich breit, ohne den Zusammenhang zu verlieren. Hervorragend das Vorspiel zum 3. Akt, das Schirmer federleicht schnürt. Hervorragend auch die Lebhaftigkeit des Orchesters bei bewegten Stellen wie „Erinnert er sich nicht? Vor fünf oder sechs Tagen…“. Bei aller Kunterbuntheit des Strauss’schen Orchesters spielt eine fast Mendelssohn’sche Leichtigkeit mit. Die einleitende Aufwärtsfigur (None, Quarte rauf, Sekunde runter) des „stürmisch bewegt“-Forte im allerersten Takt deutet Schirmer souverän – und das Orchester zieht souverän mit – ins Behäbig-Lässige um. Es funktioniert. Der erste Akt zieht sich indes, obwohl das Tempo alles andere als schleppend gerät (schneller als Rattles Rosenkavalier an der Staatsoper 2012). Meine Sitznachbarin gähnt mehrmals.

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