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Elektra Deutsche Oper Berlin: Manuela Uhl, Evelyn Herlitzius, Donald Runnicles, Doris Soffel, Tobias Kehrer

Elektra DOB: Manuela Uhl, Evelyn Herlitzius, Donald Runnicles, Doris Soffel, Tobias Kehrer / Foto: https://twitter.com/

Elektra ist komponierte Hysterie. Ein Psychothriller in Noten.

Die Strauss-Wochen an der DOB schalten in den Überholmodus. 5 Mal Strauss hintereinander. Achtung, Achtung. Es besteht die Gefahr von Strauss-Stress.

Die Oper Elektra ist berühmt für ihre durchgeknallte Protagonistin.

Ein Einakter, gedrängt in 100 – bei Runnicles sind es 102 – rachsüchtige Musikminuten.

Kirsten Harms‘ inszenatorische Platitüden stellen laues Mittelmaß dar. Sie zeigen Harms als brave Hofmannsthal-Adeptin. Der bedauerliche Einfall, Elektra in der Schlussszene von zappeligen Ausdruckstänzerinnen doubeln zu lassen? Grässlich, aber was soll’s. Das unförmige Waten der Akteure in Dünen aus grauem Katzenstreu? Peinlich, aber es gibt Schlimmeres (OK, es ist Korkgranulat). Wir sind großzügig. Alle Bösen sind Anzugträger? Soso. Jaja. Ach, Kirsten. Im Tonfall, gedanklich, in der Färbung serviert Harms ziemlich kalten Kaffee.

Die Klytämnestra der Doris Soffel strahlt mezzosopranistische Souveränität aus. Soffels fesselndes, mit prickelnd schrillen Mezzo-Höhen gespicktes Porträt sorgt für viel Applaus. Eine prägnante Wortverständlichkeit tut das Ihre. Ab und an wirkt eine laxe Intonation störend.
Die Elektra Evelyn Herlitzius füllt ihren Part mit intensiver Präsenz aus, die bis zum Nervenkitzel geht. Vielleicht gibt es derzeit keine bessere Elektra als Herlitzius. Nur Herlitzius‘ wie stets hingebungsvoll hochdramatische Mimik scheint mir bisweilen als aufgetunte Elektra-Folklore. Als hysterischer Racheengel zieht sie alle Register textlicher Ausdeutung. Elektras „Du lügst“ hat die Wirkung eines tückischen Kugelblitzes. Ihre Höhe ist stählern gespannt wie eine Armbrust vor dem Schuss. Ist Herlitzius textverständlich? Nur wenn man die Übertitel mitliest. Jubel.

Chrysothemis Manuela Uhl findet zu anrührendem Spiel und volltönender Klangfarbe, ist jedoch nicht immer durchsetzungsstark (Herr Runnicles, bissl leiser!). Dass sie keine Sängerin der präzisen Linie, sondern des strömenden Klanges ist, gerät ihr in Elektra mehr zum Nachteil als in Daphne. Aegisth Clemens Bieber und der sonore Orest Tobias Kehrer leisten Gutes.

Seth Carico ist der Pfleger des Orest, die Diener singen James Kryshak und Stephen Bronk. Die vorwitzige Vertraute ist Nicole Haslett, die kesse Schleppträgerin Alexandra Hutton. Das Mägde-Quintett singen mit erstaunlich eigenständigen Stimmen Annika Schlicht, Rebecca Jo Loeb, Jana Kurucová, Fionnuala McCarthy und Elbenita Kajtazi. Die Mägdeszene ist doch immer wieder allerbester Strauss. Die Aufseherin singt Stephanie Weiss.

Donald Runnicles leitet breitpinselig und wohltuend schwungvoll. Aber Strauss‘ sezierender Mikropsychologie setzt Runnicles eine Art Megafon-Ästhetik entgegen, die Dynamik und Tempo einebnet. Das unterschätzt, dass Elektra mehr ist als orchestrales Dauerfeuer. Den Schlusstakt haut Runnicles mit schicksalsschwerer E-Dur-Wucht hin. Die Elektra, stets zwischen sezierender Avantgarde und von orchestralen Breitseiten flankierter Bildungsbürger-Antike schwankend, neigt heute letzterem zu. Dazu passt es auch, dass Textverständlichkeit eher die Ausnahme ist. Die Hörner leider an entscheidender Stelle („und wer dann noch lebt, der jauchzt…“) unkonzentriert.

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