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Michael Nagy, Simon Rattle, Sarah Connolly, Eva-Maria Westbroek, Stuart Skelton Tristan und Isolde Richard Wagner Philharmonie Berlin

Après-Tristan: Michael Nagy, Simon Rattle, Sarah Connolly, Eva-Maria Westbroek, Stuart Skelton, Roman Sadnik / Foto: twitter.com

Tristan. Und Isolde.

Ich habe über Ostern mehr Parsifals als Osterhasen gesehen. Und jetzt auch noch Tristan. Der kommt auch nicht aus der Lustige-Unterhaltung-Branche.

Diese Isolde. Mit den Aphrodisiaka rumgetrickst, den Brautwerber zum Küssen verführt und ins Bett umgelenkt. Ehebruch, ewige Liebe. Wie so etwas ausgeht, davon scheint schon das Mittelalter eine Ahnung zu haben, nicht erst der zu weltanschaulichen Überdrehtheiten neigende Schopenhauer-Wagner-Komplex.

Eva-Maria Westbroek (Isolde). Das schwarze Kleid sitzt gut. Ihr Smalltalk in Akt 1 („Da du so sittsam, mein Herr Tristan“, eine Quarte, zwei Quinten) könnte eine Spur tückischer klingen. Ihr Sopran ist üppig in Klang und Umfang. Ihr Piano ist so klangvoll wie das Forte anderer Soprane. Westbroeks Spitzentöne – vornehmlich A’s und As’s – kann man hören, ohne nervös zu werden. Je höher ihr Sopran steigt, desto schärfer lodert er. Das Vibrato in der Höhe erschwert die präzise Wortdeutung. Im Zusammenspiel mit dem zu Exzessen aufgelegten Orchester klingen ihre kolossalen vokalen Ausbrüche wie wilde illegale Partys. „Mild und leise“ singt Westbroek ohne allzu große expressive Finessen. Bei Westbroek fällt mir immer ein: „45 Jahr‘, blondes Haar.“ Sieht sie nicht aus wie gerade 30 geworden?

Und dann sage noch jemand, es gebe ein classical elitism topic.

Sarah Connolly (Brangäne). Connolly steht auf 4cm-Absatz-Pumps. Distinktes Vibrato, bissl herbes Timbre. Kein Klangwunder. Connolly gebraucht beim Singen Verstand und Gefühl, und immer etwas mehr von ersterem. Aber noch im kleinsten Vibrieren ihrer Stimme sitzt ein Stück Drama. Connolly begeht kein einziges Verbrechen gegen Geschmack und Stil. Ihre Brangänerufe in Akt II sind gutgemeinte Erinnerungen („Habet Acht!“) mit viel Verständnis für das, was Westbroek und Skelton gerade machen, keine verzweifelten Mahnrufe.

Stuart Skelton (Tristan). Skelton ist auch kein Stage animal. Dass seine Bühnenpräsenz doch ein gewisses, wenn auch träges Pathos besitzt, hat sich Skelton womöglich hart erarbeitet. Ich hatte Stuart Skelton als Kreuzung aus Simon O’Neills Blässe und Stephen Goulds Verlässlichkeit in Erinnerung. Ich lag falsch. Die Phrasierung ist exzellent. Er hat Farben. Emotion und Affekt kommen stets aus dem Singen und werden nicht dem Singen aufgepropft. In den hocherregten Passagen von Akt III ist jede Note hörbar. Er singt jede Note, er schreit nicht. Nie. Technisch ist er womöglich besser als jeder andere derzeitige Heldentenor von Rang. Kurz, Stuart Skelton ist der befriedigendste konzertante Tristan, den ich in den letzten 15 Jahren gehört habe.

Michael Nagy (Kurwenal). Prächtiges Material, kerngesunde Stimme. Sehr frisch und frei gesungen. Nur dass Nagy sein Material mitunter noch etwas krawallig eingesetzt. Unweit meines Platzes fühlte sich ein Musikfreund zu einem matten Buh bemüßigt.

Stephen Milling (König Marke). Milling… Eine Enttäuschung von vorne bis hinten ist Milling im zweiten Akt. Er ist nur gut, wenn er laut ist, und das ist er eher in Akt 3. Ansonsten fallen die fehlende Prägnanz der Phrasierung nicht minder auf wie der bedauerliche Umstand, dass seinen vokalen Pathos-Gesten genuines Pathos fehlt. Von Millings „keen way of words and a gift for expressive colouration“ (seine Homepage) höre ich nur homöopathische Dosen. Milling wird ja überall angesetzt: Hagen Bayreuth, Gurnemanz Salzburg, Marke London, Landgraf London. Es ist ja nicht so, dass man in Berlin nicht wüsste, wie ein Marke klingt. Ich will nicht ins Detail gehen und nur an einen Finnen erinnern, dessen Statur eine Kreuzung aus Eisbär und Schrank ist, oder an einen Dresdner, der eine knubbelige Stupsnase sein eigen nennt.

Verlässliche Kräfte sind Thomas Ebenstein (Hirte, Seemann), Roman Sadnik (Melot) und Simon Stricker (Steuermann). Simon Stricker ist ein guter Steuermann. Roman Sadnik kämpft mit einer lauten Stimme, die er ohne Gefühl einsetzt. Thomas Ebenstein ist ein guter Hirte. Die Herren des Rundfunkchors Berlin singen leidenschaftlich.

Simon Rattle dirigiert mit britischer Gründlichkeit. Das erste f-Pizzicato in Takt 16 ließ Rattle konzertant vor eineinhalb Jahren lustvoller ploppen. Man gerät im – übrigens anfänglich sehr langsam genommenen – Vorspiel in den Sog von resoluten Crescendi, die so dramatisch wie komplex sind. Die großen Fortissimo-Steigerungen reißen mit wie ein ins Rutschen geratener Gletscher.

Die Berliner Philharmoniker agieren wie ein perfekt durchtrainierter Muskel. Heftige An- und Entspannung. Und dann der orgiastische Flash. Da ist wieder dieses Nachbohren Rattles im Expressiven. Wie einen Socken zieht Rattle jeden Klang auf links, nur um in ihn reingucken zu können. Es ist vielleicht kein Abend für die Ewigkeit (immer wenn man denkt, es sei einer, liegt man sowieso daneben). Der Fortissimo-Schlussakkord von Akt eins wirkt wie ein müder Bumms. Die Schluss-Fermate von Akt drei ist mir zu goldig. Doch jeder Takt lebt. Rattles Intensität triumphiert. Es ist Rattles Sinn dafür, dass im Tristan alles mit allem zusammenhängt, der den heutigen Abend exzeptionell macht. Für Dominik Wollenweber (Englischhorn) dürften die insgesamt sieben Tristan-Abende einer der Höhepunkte seiner Laufbahn sein.

War Rattle in Akt 1 nicht in etwa auf Thielemann-Tempo (2015 Bayreuth) – nur das Vorspiel dehnte Rattle ungleich stärker – und in Akt 3 deutlich rascher als Thielemann?

Tristan Isolde Philharmonie Berlin Berliner Philharmoniker Simon Rattle Westbroek Skelton

Schlussapplaus Tristan und Isolde: Rattle klatscht, Nagy guckt, Connolly verbeugt sich etwas, Westbroek lässt das Haar ganz runter, die anderen Männer machen’s nach / Foto: twitter.com

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