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Festtage Berlin 2016 Yo-Yo Ma Staatskapelle Berlin Barenboim Dvorak Cellokonzert

Leicht zurückgelehnter Oberkörper, entspannte Armhaltung, wild konzentrierter Ausdruck: Yo-Yo Ma spielt eine Zugabe von Adnan Saygun / Foto: twitter.com/StaatsoperBLN

Zweites Festtage-Konzert der Staatskapelle Berlin.

Elgar. Elgar steckt mir danach in den Knochen wie ein Château Mouton-Rothschild.

Was macht Elgar aus?

Elgars Sinfonie Nr. 2: Impetuos gespannte Höhepunkte. Introvertierter Meistersinger-Pomp. Die Symphonie als Choral. Man kann dummbeknackt fragen: so what? Doch alles, was Elgar macht, scheint durch den formalen und inhaltlichen Reichtum seiner Musik gerechtfertigt.

Man fragt sich, warum Adorno nur auf dem kargen Sibelius herumschimpfte, nicht auch auf dem üppigen Elgar. Sein Statement wäre aufschlussreich gewesen.

Die in komplett undramatischen Piano-Stimmungen schwelgende Durchführung des ersten Satzes scheint ein Abgesang auf alle prozessgesteuerten Durchführungen seit Beethoven. Dagegen wirkt die von ehrgeiziger Hyper-Kontrapunktik getriebene Durchführung des Finales so altmodisch, dass sie viel Spaß bereitet. Das Larghetto lässt sich zu einem von ihm selbst kaum für möglich gehaltenen, hedonistischen F-Dur-Höhepunkt hinreißen und hat zwei großartige Brucknermomente. Da kommt alles in Fluss. Wir an Boulez’sche Frigidität Gewöhnte sollten das wieder angemessen genießen.

Ich bin mir nur noch nicht sicher, welches genau Elgars Schwachstelle ist, seine Vorliebe für äußerst verwickelte Satzstrategien oder sein hemmungsloser Eklektizismus (Gab es einen Brahms-verrückteren Komponisten als Elgar – Schönberg einmal beiseite gelassen?) Wahrscheinlich keines von beiden.

Barenboims Staatskapelle spielt mit hohem Einsatz. Dennoch dirigiert Barenboim bei tumultuösen Höhepunkten der Ecksätze zeitweise einhändig, die Linke liegt à la Richard Strauss eng am Körper, sehr elegant. Das ist nicht immer im Dienste höchster Klarheit, doch stets mit dem Siegel höheren Wagemuts und höchsten Gelingens.

Der Abend war alles andere als ein Geheimtipp-Konzert. Vor Elgar setzte der liebe Gott Dvorak.

Yo-Yo Ma findet für das Dvorak Cellokonzert Töne, auf die Cellisten selbst in ihren kühnsten Träumen kaum zu hoffen wagen. Yo-Yo Ma ist für seine virtuos-plastische Wiedergabe uneingeschränkt zu loben. In ihr finden sich bis zum Sublimen abgetönte Zartheit neben bis zu entfesselter Klangsinnlichkeit gesteigerter Energie. Der Musiker hält seine Interpretation zwischen Analyse und in der Schwebe. (Fehler! war 5 Tage online, kann jetzt endlich weg.)

Die Staatskapelle zelebriert in die Breite expandierenden, gelegentlich in entgrenzende Höhepunkte getriebenen Klang (kann man kritisieren). Aber welche Farben, welches Drama, welche Schübe die Musiker freisetzen, verblüfft (kann man nicht kritisieren). Die somnambule Identifikation der Musiker ist unbestritten. Es ist eine Sprache, die Ausdruck, Unmittelbarkeit sucht. Claudia Stein (Flöte) und Ignacio Garcìa (Horn) sind die maßgeblichen Bläsersolisten. Konzertmeister Wolfram Brandl legt ein atemnehmendes Wettspiel mit Yo-Yo Ma hin.

Yo-Yo Mas Zugabe: Partita von Adnan Saygun.

Womit ich wieder zu Elgar komme. Yo-Yo Ma reiht sich bei Elgars zweiter Sinfonie in die Cello-Gruppe ein. Vierte Reihe, zwischen Johanna Helm und Egbert Schimmelpfennig.

Das Schweißtuch-Techtelmechtel vor dem Dvorakkonzert sowie Barenboims virtuoser Blumenwurf in Richtung Yo-Yo Ma demonstrieren eine entspannte Arbeitsatmosphäre. Angesichts der Ovationen für Elgar hätte Adorno sich im Grab umgedreht.

Yo-Yo Ma Berlin Philharmonie Barenboim 2016 Festtage

Musik ist Mannschaftssport: Yo-Yo Ma, vierte Reihe Celli, verstärkt die Staatskapelle bei Elgars Sinfonie Nr. 2 / Foto: twitter.com/StaatsoperBLN

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