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Staatsoper Berlin Parsifal Barenboim Tcherniakov Pape Meier Wolfgang Koch

Parsifal Andreas Schager vor Ritter-Polygon / Foto: Ruth Walz / staatsoper-berlin.de

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Der Berliner Tscherniakow-Parsifal. Festtage 2016.

Sehr schön.

Tscherniakow macht Parsifal fit. Tscherniakow zeigt Wagners Spätwerk als Backpacker-Drama. Die Gralsritter fristen ihr Dasein als eine Kreuzung aus bösen Hinterwäldlern und abgedrehten Vollbart-Hipstern. Es riecht nach militanten Altgläubigen-Milieus. Nach Sexsekte. Nach Assi-Zivilisationen à la Reichsbürger.

Gurnemanz ist ein Ultra. Er bastelt 4200 Takte lang an seiner ganz privaten Dolchstoßlegende. Dann meuchelt er Kundry.

Tscherniakows Parsifal ist angemessen modern. Das diffus vergraute Bühnenbild lässt kaum Zuschauerwünsche offen. Die Bühne zeigt einen klugen, kontrollierten Realismus, nicht unähnlich Stölzls Hyper-Realo-Parsifal an der DOB. Mixt dieser Parsifal nicht endlich einmal religiöse Seifenoper und herbes Existenzpathos? Ja.

Andreas Schager ist ein guter Parsifal. Sein Vortrag besitzt Kraft, sein Klang tenorale Helle. Schagers Lungen besitzen Durchhaltevermögen, seine Spitzentöne Durchschlagskraft. Dennoch: Schagers Timbre neigt zur Trockenheit, der Klang zeigt wenig Rundung oder Schmelz, wirkt so fast abstrakt. Schagers Phrasierung ist wohltuend linear. Zur Rolle passt der sachliche Ausdruck durchaus. Bei „Wie dünkt mich doch die Aue“ ist der kantable Fluss zwar da, doch er tröpfelt spärlicher, als es schön und wünschenswert wäre. Im Piano zeigt Schagers Stimme eine Tendenz zu unsteter Klangproduktion. Eleganz der Details: nein. Geheimnis und Wärme der Deklamation: nein. Legato-Mängel fallen auf. „Den heiligen Speer, ich bring ihn euch zurück“ hört man jeder Silbe an, dass Singen eine Anstrengung ist.

Waltraud Meier Kundry. Ich habe auf dieser Seite Lobgesänge auf Meier geschrieben. Heute Abend: ständiges Flackern, hauchig, Stimmabbrüche. Aber ich höre ihre vielen Live-Kundrys mit (und auch ein bisserl ihre noch zahlreicheren Live-Isoldes). Als Kundry war sie, und wahrscheinlich nicht nur live, die beste.

Staatsoper Berlin Parsifal Barenboim Tcherniakov Matthias Hölle Wolfgang Koch

Matthias Hölle in illustrer Runde. Wolfgang Koch wird für die Vampirisierung präpariert / Foto: Ruth Walz / staatsoper-berlin.de

René Pape singt Gurnemanz. Als Kapuzenträger wirkt Tscherniakows Gurnemanz wie einer von den sieben Zwergen. Die überwältigende Samtströmung einer wundersamen Stimme, die blühende Deklamation seines 2008er Gurnemanz‘ ist nicht mehr so da. Der Gurnemanz-Pape 2016 ist härter, massiver, metallischer, knorriger, einen Tick weniger innig-feierlich („Du siehst, das ist nicht so“). Die unvergleichliche Elastizität der Wort- und Phrasenbildung des 2008er-Parsifals ist gewichen. Aufhorchen lässt dafür die selbstgewisse Autorität der Vollhöhe („den er nicht selber möcht‘ geleiten„). Die Führung der Stimme ist meisterhaft, doch nicht frei von Eigenarten. Ein Gurnemanz für die Annalen.

Staatsoper Berlin Parsifal Barenboim Tcherniakov Pape Meier Wolfgang Koch Matthias Hölle

Tcherniakovs lustige Blumenmädchen / Foto: Ruth Walz / staatsoper-berlin.de

Wolfgang Koch bewältigt den Part des Amfortas mit Hilfe wuchtig ausladender Vokalgesten. Tscherniakows Amfortas ist ein Opfer übler Folterrituale, erleidet vampirhafte Zudringlichkeiten. Schade, Kochs Amfortas erreicht nicht den Weltklasse-Sachs vom Oktober. Dazu fehlt seiner Stimme die letzte Prägnanz der Phrasierung. Das Anschleifen der Tonhöhe von unten fällt heute Abend stärker auf. Der Abend weckt nicht den vokalen Virtuosen in Wolfgang Koch.

Klingsor Tómas Tómasson ist ein Strickpulliträger, der seine adretten Kampusch-Mädls mit wahrer Hingabe bemuttert. Matthias Hölle ist ein beeindruckender Titurel.

Die Knappen singen Sónia Grané, Natalia Skrycka, Florian Hoffmann, Roman Payer. Die Gralsritter sind Paul O’Neill und Dominic Barberi. Die Blumenmädchen tragen den Stoff, aus dem die Alpträume sind. Als potentielle Missbrauchs-Mädls gezeichnet, singen Julia Novikova, Adriane Queiroz, Anja Schlosser, Sónia Grané, Narine Yeghiyan, Natalia Skrycka lebhaft und energisch. Letztere singt auch die Stimme aus der Höhe.

Daniel Barenboim packt beileibe nicht die Monster-Slowmotion aus. Aber er geht mit dem ganz großen Besteck ran: Weihe, Pathos, Dämmer-Piano. Es funktioniert. Barenboim zelebriert eine strömende Weiträumigkeit von Alpen-hafter Breite. Das Tempo bleibt indes frei bis zügig, ist ebenso fern von Gattis Zeitlupenkino wie von Runnicles‘ schlanker Sachlichkeit.

Ein Parsifal, dynamisch im Innersten belebt, von Tempomodifikationen durchzogen, die ins Herz des Stückes treffen. Barenboim beweist untrügliches Gespür für den Zusammenhang, der Phrasen, Motive, Gesten, Nuancen und Klangteilchen aneinanderbindet. Das ist Strukturbewusstsein. Barenboim lässt die komplizierten melodischen Triebkräfte des Alterswerkes sich entfalten, gesteht ihnen eine ganz eigene Ausdrucksoffenbarung zu. Übergänge dürfen sich traumhaft verschleppen. Die softe Attacke der Streicher ist makellos.

Beim Genuss der geheimnisvoll gedehnten wie dramatisch gestauchten Abläufe hilft etwas Parsifal-Erfahrung. Passend hierzu der abgedunkelte Ton der üppig timbrierten Staatskapelle. Das blühende Stimmengeflecht ist im Karfreitagszauber von expressiver Zartheit. Der Chor der Staatsoper steuert kernige Glaubenswahrheiten bei („Du musst! Du musst!“).

Fazit: eine Inszenierung, die meinetwegen zehn Jahre bleiben kann.

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