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DSO Berlin Tugan Sokhiev

Schau mir in die Augen, Blechinstrument / Foto: dso-berlin.de

Doch ein ganz gutes Konzert.

Das DSO spielt Prokofjew, Reimann, Mendelssohn Bartholdy. Den Prokofjew – die Symphonie Nr. 1 –  scharf, hell, rasch. Das ist lebendig bis in den warmen Nacken jedes Notenhalses hinein. Prokofjews melodisch-rhythmische Einfälle strahlen Knackschärfe aus. Womit angedeutet sei, dass öde Verschlimmharmlosung von Prokofjews Klassiker-Imitatio Tugan Sokhievs Sache nicht ist. Das DSO dankt’s und liefert lupenreine Präzision. Und doch, im soften Federn dieser Musik wird ihr latenter Ernst, ihre Qualität hörbar. Sokhiev macht einfach Musik. Beispiel Satz Numero eins: Die Streicher klingen im zweiten, lebhaften Teil der Durchführung so fröhlich, als würden sie jodeln. Der Schlussakkord ist ein Juchzer. Beispiel Satz zwei: Der fanatische, sachliche Einstieg ist nicht von schlechten Eltern (och, die Triller da).

Aribert Reimanns Tarde (2006) wurde für kleineres Orchester geschrieben. Die acht Stücke sind bisweilen reich an Polyphonie des sparsam eingesetzten Blechs und der Holzbläser, ansonsten geben sie sich konzentriert und gelöst. Die Struktur deutet Dreiteiligkeit an. Auf zwei Stücke für textlosen Gesang und Orchester (1 und 2 sowie 4 und 5) folgt jeweils ein Orchesterstück ohne Gesang (3 und 6). 3 und 6 bleiben ritornell-haft aufeinander bezogen. In den Stücken 7 und 8 geht der Gesangssolist zum Textgesang über. 8 fungiert zudem als abschließendes Ritornell. Claudia Barainsky setzt ihre gebändigte Expressivität ein und singt exemplarisch.

Mendelssohns Schottische. Die erste schöne Stelle ist gleich jener Gedanke der Geigen aus der Einleitung, der eine mit Gis und Dis gespickte Sechzehntel-Girlande bis zum c3 hinaufführt. Die strammen Crescendi gelingen, weil sie sich nicht zwischen Wildheit und Disziplin entscheiden wollen. Sie beginnen verhalten, um dann mit allen symphonischen Kräften auf irgendwelche wilden Kadenzfelder zuzusteuern. Im Adagio setzt Sokhiev fast Andante-Puls ein; die Abläufe im Adagio sind glätter, als es Furtwängler-Fans, eine in Berlin besonders verbreitete Spezies, lieb sein kann. Interessant ist die Dritte ja auch wegen der Elgar-Anklänge, und zwar an zwei Stellen. Einmal ist es im Adagio diese von gelösten Celli und Solo-D-Horn angestimmte Kantilene zwischen vorletztem und letztem Fortissimo-Ausbruch und dann im Finale der Eintritt ins Allegro maestoso assai. Und das ein gutes halbes Jahrhundert vor Elgar, Sinfonie Nr. 1. Respekt, Felix.

Fazit: viel Spaß mit Sokhiev + DSO.

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