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Die Liebe der Danae Deutsche Oper Berlin Manuela Uhl Mark Delavan

Baby, lass den Flügel runter: Die Liebe der Danae, Deutsche Oper Berlin / Foto: Barbara Aumüller / deutscheoperberlin.de

Jaja, Die Liebe der Danae. Komponist: Richard Strauss. Komponiert: 38 bis 40.

Die dreistündige Oper variiert das Thema „Geld oder Liebe?“ – ähnlich wie im Ring. Der Thrill-Faktor ist indes gleich Null. Danae ist so unrettbar altmodisch, dass sie auf eine monströse Art sogar drollig ist. Angereichert wird das Ganze mit ironischer Antike (Offenbach machte das 80 Jahre früher aufregender) plus einem Schuss Opera seria.

Die titelspendende Danae der Manuela Uhl berührt durch den instrumental geführten Sopran, der durch Klarheit und Seriosität überzeugt und damit dem Zuhörer zu verstehen gibt, dass Danae als Tochter aus gutem Hause das Herz nicht auf der Zunge trägt. Leichtfuß Jupiter hat vom Ochs die Nonchalance und vom Wotan den Hang zu ausufernden Monologen. Mark Delavan hat für beides Sinn und Stimme. Der Midas von Raymond Very gefällt durch eine Art abstrakten Tenorglanz. Dabei hält Raymond Very Deklamation und Gefühl wohltuend in der Waage. Merkur Thomas Blondelle rückt Mark Delavan singend und agierend auf die Pelle, was das Zeug hält. Burkhard Ulrich sorgt dafür, dass König Pollux zwar als bankrotter, aber umso höhensicherer Herrscher in Erinnerung bleibt.

Eine Kategorie für sich bildet die vierköpfige Girl Group, bestehend aus Europa (Martina Welschenbach), Semele (Nicole Haslett), Alkmene (Rebecca Jo Loeb) und Leda (Katharina Peetz). Die blumenmädchenhaft betörenden Damen unterscheiden sich laut Libretto vor allem dadurch, unter welch abenteuerlichen Umständen sie von Jupiter begattet wurden.

Danaes Dienerin Xanthe ist heute Adriana Ferfezka, ein frischer, vorzüglicher Sopran. Die vier Könige sind Paul Kaufmann, Alexei Botnarciuc, Clemens Bieber und Thomas Lehman.

Sebastian Weigle leitet solide, doch ohne die Inspiration, die es für einen großen Abend bedurft hätte. Doch Weigle bringt Sinn für Abläufe und den Zusammenhang von Stimmen und Orchestergesten mit. Zudem ist er hübscher in den Details, als es Runnicles gewesen wäre.

Das Libretto Joseph Gregors ist von konkurrenzloser Seifigkeit. Hofmannsthals Libretti der Zwanziger haben diesen Tiefsinn-beflissenen Einschlag auch schon. Gregor toppt das. Hätte man angesichts der kulturellen Situation Deutschlands und Österreichs der späten Dreißiger anderes erwartet? Also.

Die Inszenierung bietet ein getreues Abbild der Schwächen der Regiearbeiten von Kirsten Harms. Erstens ein mattmüder Symbolismus. Zweitens eine ganze Handvoll halbwegs guter Ideen, die in situ dann jegliche inszenatorische Treffsicherheit vermissen lassen. Drittens Bühnenbilder, bei deren Anblick man eine schwere ästhetische Grippe bekommt.

Bleibt die Preisfrage: Komponiert Richard Strauss hier schlechter als in Salome?

Nein. Die Einfälle büßen an Prägnanz ein (In dem Alter ist man mit Prägnanz durch, Zusammenhang ist alles, siehe Parsifal). Dafür mixt Strauss Klang, harmonische Fliehkraft und musikalische Linie mit rarster Meisterschaft. Erster und zweiter Aufzug haben keinen einzigen schlechten Takt. Im dritten Aufzug lege ich meine Hand hierfür nicht ins Feuer. Die erste Szene – Midas/Danae, insbesondere das Duett – scheint  mir nicht über jeden Zweifel erhaben. Um der Tragik des unsäglichen Entstehungsdatums zu entkommen, könnte ich mich damit anfreunden, vor dem dritten Akt beispielsweise aus Erwin Schulhoffs fünfter Sinfonie von 1939 das Finale zu spielen.

Fazit: abartige, faszinierend selbstreferentielle Opernfrickelei aus der Feder eines melomanen Altmeisters. Unschlagbarer Small-Talk-Wert („Meine Lieblingsoper sind übrigens die Meistersinger. Und Ihre?“ – „Oh, Die Liebe der Danae.“) Überaus hörenswert. Reingehen, da nächste Saison nicht mehr auf dem Spielplan der Deutschen Oper Berlin.

Hier die Kritik der Salzburger Liebe der Danae von den Salzburger Festspielen 2016.

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