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Ein gelungener Abend.

Wer alle Stücke des heutigen Abends zum zweiten Mal in seinem Leben hört, darf sich nach der anstehenden Wahl zum Abgeordnetenhaus als legitimen Kandidaten für den Posten des Kultursenators betrachten. Ich höre alle zum ersten Mal.

Im Mittelpunkt steht Karol Szymanowskis optimistisches Violinkonzert Nr. 2, entstanden im pessimistischen Jahr 1932. Den Solopart spielt Daniel Stabrawa technisch und intellektuell angemessen sowie fern allem Soloexhibitionismus und nah am heiß klopfenden Herzen des Stücks. Szymanowski liebe ich (Szymanowskis Konzertouvertüre ist der souveränste aller Don-Juan-Klone, Asher Fisch dirigierte sie am selben Ort vor einiger Zeit). Das Violinkonzert des Polen kennzeichnen ein unglaublicher Schwung und eine schillernde Farbenfülle. Es ist interessant, wie Szymanowski eine Sprache entwickelt, die den Versuchungen des radikalen Strawinsky-Schönberg-Milhaud-Bartók-Komplexes im Großen und Ganzen widersteht, um sich für eine ungewöhnlich lebhafte und tadellose Symphonik mit schwingenden Konturen zu entscheiden, und das Ganze dann auch noch mit wunderbar sicherer Hand beherrscht. Für die pflichtbewussten Orchestermusiker ist dies Anlass, die so delikaten wie dicht gewebten Mittelstimmenstrukturen mit Lust am flirrenden Fließen nachzubilden.

Roussel Le Festin de l'Araignée Szymanowski Violinkonzert Rameau Les Boréades Daniel Stabrawa Berliner Philharmoniker

Daniel Stabrawa spielt Karol Szymanowskis Violinkonzert Nr. 2 / Foto: berliner-philharmoniker.de

Damit kommen wir zu Roussel, dessen Werk ich ebenfalls liebe. Nicht alle Werke dieses Komponisten sind auf so zarte Weise festlich gestimmt wie Le Festin de l’Araignée. Geschrieben 1912, folgt es dem damals innovativen Konzept „Leise anfangen, leise aufhören, dazwischen ist alles erlaubt“. Diese féérie animalière ist eine Art Biene Maja in Musik gesetzt und zeigt großes Interesse an den Eigenheiten des Lebens von Insekten. Musikalisch gesehen ist Roussels Haltung durch und durch debussyisch – subtile Motivgesten der klangsicher gesetzten Instrumente schließen sich zu locker gefügten Texturen zusammen. Tupfer der goldenen Hörner und virtuose Harfenglissandi erweitern Idiom und Farbpalette. Das Stück beginnt und schließt mit einer jener Flötenkantilenen (Mathieu Dufour), die so durch und durch französisch sind, wie dies nur noch ein Baguette auf dem Boulevard des Italiens sein kann. Ich wurde aufs Beste unterhalten.

Schließlich, was ist mit Rameaus Les Boréades? Es handelt sich um Musik vor der Erfindung des Sonatenhauptsatzes. Gott sei Dank wird die redundante Nutzung des Soli-Tutti-Gegensatz durch die launische Virtuosität von Solohorn und Solofagott in Schach gehalten. Vier würdevolle Fagotte spielen. Keine Trompeten – obwohl die subtilen Holzbläsermischungen mehr als einmal klingen, als gäbe es doch Trompeten. Man geht nicht zu weit, die Boréades-Suite als als eine Musik von äußerster Lebhaftigkeit der M0tiverfindung zu bezeichnen. Zusammenstellung der Stücke: S.R.

Berliner Philharmoniker, Simon Rattle.

Fazit: verführerische Eindrücke aus den Randbezirken der Konzertprogrammatik. Erfrischend kurzes Konzert. Und der Rameau ist selbst für hartgesottene Barock-Skeptiker wie mich kurzweilig.

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