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Neujahrskonzert Wiener Philharmoniker 2016

Neujahrskonzert Wiener Philharmoniker: Da strahlt er, der Jansons / Foto: Richard Schuster / wiener-philharmoniker.at

1. Jänner 2016.

(Hier geht es zur Kritik Neujahrskonzert 2017 mit Gustavo Dudamel)

Als Berliner hat man es am Neujahrsmorgen nicht leicht. Katerstimmung, polare Kälte, der Bäcker um die Ecke ist zu.

Aber es gibt das Neujahrskonzert, ORF sei dank.

Das Schöne am Neujahrskonzert ist ja die österreichische Folklore. Herrlich. Wo redet man sonst mit Respekt von den „österreichischen Floristen“? Als die Moderatorin in charmantem Wienerisch das „Wiener Wurstel-Prater“ erwähnt, geht einem das Herz auf.

Walzer, Polkas und Galopps scheint es in Wien ja zu Tausenden zu geben. Da ist es verwunderlich, dass die Trattenbacher Taschenfeitel-Erzeugung, der Wiener Dudler und die Wiener Kaffeehauskultur zum österreichischen Weltkulturerbe gehören, nicht aber der Wiener Walzer.

Aber Schwammerl drüber und Musik gehört.

Das Programm ist wienerisch-europäisch. Da ist die zarte Silhouette der Polka francaise – in Österreich schreibt man française francaise. Da sind die harmlosen, lautmalerischen Scherze der Vergnügungszug-Polka. Da sind die gepflegten Streicherxtasen in „Einer Nacht in Venedig“. Da ist das kecke rhythmische Profil von „Ausser Rand und Band“ (Das „ß“ gebraucht der Wiener scheint’s nur bei Strauß). Und „Sphärenklänge“ ist ein Walzer mit tollkühner Skyline. Das versteht man überall, sogar in Berlin.

Doch es gibt noch weitere Österreichiana, von denen man ohne Neujahrskonzert nichts wissen würde. Der alles andere als luftig-leichte Walzer „Weaner Madl’n“ sagt nichts Gutes darüber aus, wie es um Temperament und Silhouette der Madln im wienerischen 19. Jahrhundert stand.

Mariss Jansons: Gut schaut er aus. Jungenhaftes Grinsen, das Haar nach hinten gegelt. Wer eine spezifische Jansons-Komponente sucht, kann sie heuer im glasklaren, rhythmisch abgeklärten Orchesterklang suchen. Na, ich fand die fesche Biegsamkeit von Welser-Möst 2013 oder die schlawinerhafte Herzenswärme von Barenboim 2014 interessanter.

Der Werbefilm zu Salzburg in der Pause, Mannmannmann. Aber des is g’hupft wie g’hatscht. Den Österreichern verzeiht man derartige No-Gos gerne. Wia ma’s mocht, is‘ vakehrt, denkt jetzt der Salzburger Tourismusverband, wenn er das hier liest.

Zuletzt der kultivierte Krawall des Kaiserwalzers. Do spüt d’Musi! Do schwinden jedem Zuhörer die Sinne. Zu den Wienern Philharmonikern kann ich sagen, dass die aktuelle Brillenmode im männlichen Teil von Wien noch nicht angekommen zu sein scheint.

Und am Fagott Sophie Dartigalongue! Die haben die Wiener Philharmoniker frisch von den Berlinern geklaut. Doch halt, ned deppert wern, kein Zwist am ersten Tag des neuen Jahres.

Schön war’s.

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