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Premiere 19. Dezember Staatsoper Berlin Daniel Barenboim

Strumpfhose über’m Kopf? Nicht mit mir: Sonya Yoncheva ist La Traviata / Foto: Berng Uhlig / staatsoper-berlin.de

Dieter Dorn inszeniert La Traviata. Yoncheva, Lasri, Piazolla singen.

Alter Regisseur, junge Sänger. Das kann gutgehen.

„La Traviata ist keine Oper der Liebe und des Lebens, sondern eine Oper des Todes“, so der italienische Dirigent Riccardo Muti.

So sieht das auch Dieter Dorn. Es gibt einen Einfall in dieser Inszenierung. Leiber, mit Gazestoff umspannt, formen einen Totenschädel. Doch nun löst sich der Schädel auf, die Leiber nahen der schwindsüchtigen Titelheldin als stumme Memento-Mori-Mumien. Ein Schelm, wer dabei „Aha, Sasha Waltz!“ denkt. Das ist die (optisch-gedankliche) Grundidee. Der zweite Einfall, ein Sandsack, der wie eine schlappe Bratwurst über dem einzigen Bühnenelement, einer Spiegelwand, hängt, ist schon schlechter. Dem Sandsack entrieselt Sand. Fixe Zuschauer dürfen jetzt „Sanduhr!“ denken. Gäste des Schillertheaters, die über Empathie verfügen, seufzen „Arme Violetta!“ So weit, so Dorn.

Es ist ja bei weitem nicht alles Larifari, was der Zuschauer zu sehen bekommt. Die Kostüme – fesch. Die Sterbeszene – anrührend. Aber das Bühnenbild – steril. Die Personenführung – hausbacken (Halt – nicht im dritten Akt!). Hätte es die gar nicht so schlechte, alte Mussbach-Inszenierung nicht auch getan?

Doch es gibt eine Raison d’être dieser Inszenierung, zumindest eine singende. Sie heißt Sonya Yoncheva.

Die 33-jährige Bulgarin singt eine Violetta, die für die emotionalen Achterbahnfahrten dieser intensivsten Frauenfigur Verdis neben einer langen Mähne und großen Gesten vor allem Kraft, Brillanz und strahlende Bravour mitbringt. Da macht es nichts, dass mancher Furor (noch) gewollt klingt. Yonchevas Stimme ist ein Sopran mit voller Tiefe und satter, dunkelrot crescendierender Leuchtkraft, im Piano dynamisch abgestuft, im Forte außerordentlich souverän. Registerunterschiede sind kaum zu hören, die Attacke ist eierschalenzart. Das ist nicht von schlechten Eltern. In punkto Verzierungen ist Frau Yoncheva nicht ganz Diva-reif. Aber ihr wirklich einziges Problem an diesem Abend: Sie singt in der Sterbeszene so schön, dass Schwindsucht als Todesursache schwer vorstellbar scheint – darin einer gewissen russischen, sogenannten Starsopranisten nicht unähnlich, die einst an der MET als lungenkranke Mimì in La Bohème ähnliche Probleme mit der Glaubwürdigkeit hatte.

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O quanto, quanto amore: Abdellah Lasri und Sonya Yoncheva / Foto: Berng Uhlig / staatsoper-berlin.de

Der gleichfalls 33-jährige, hochbegabte Abdellah Lasri (Alfredo) schrammt hart am Eklat vorbei. Der erste Stimmabbruch schleicht sich in der ersten Szene ein. Kurzes Aufhorchen, aber gut. Doch bald wird klar, dass dies kein leichter Abend wird. Lasris Tenor trägt heuer weder im Piano noch in der Vollhöhe zuverlässig. Vieles, zu vieles singt er mit Halbstimme. Dann: Der 2. Akt, 1. Bild ist purer Stress für ihn (und für mich). Was ist los? Lampenfieber, allzu viel Stimmstress während der Proben, Indisposition? Dabei hat der junge Abdellah Lasri eine leichte, reich timbrierte Tenorstimme von frischem Sinnenzauber. Lasris Linienführung scheint noch nicht ganz flügge, die Tonhöhenfindung zu Beginn unsicher. Lasri kehrt zu den Festszenen im Palast der Flora gekräftigt zurück – gut. Den dritten Akt absolviert er ordentlich, doch auch hier ist viel Halbstimme zu hören, viel schwankende Dynamik, ständiges Singen auf Sicht. Das ist für eine Premiere eigentlich unakzeptabel. Doch ich hoffe, Herr Lasri unternimmt morgen einen langen Spaziergang im Tiergarten, genießt den frühlingshaften Berliner Winter, diskutiert abends im Einstein mit Barenboim die Fußballergebnisse des Wochenendes und singt in den folgenden Vorstellungen einen kraftvollen Alfredo. Am Ende ehrliche Buhs und aufmunternde Bravi.

Simone Piazolla Vater Germont Traviata Staatsoper Berlin

Familienaufstellung inklusive Singübung: Simone Piazolla outsourct Sonya Yoncheva aus der Familie raus / Foto: Bernd Uhlig / staatsoper-berlin.de

Für Vater Germont, der sich vom beinharten Entscheider zum zaudernden Mitfühler wandelt wie einst Saulus zum Paulus, bringt Simone Piazzola, bebrillt und im gut sitzenden Anzug, seinen hellen, feingekörnten Bartion vorteilhaft ins Spiel. Besonders schön ist die strömende Forte-Höhe bei fokussierter Tongebung und nicht allzu großer Stimme. Wenn der 30-jährige Piazzola nur die Übergänge von leise zu laut und von laut zu leise geschmeidiger gestalten würde!

Annina ist bei Katharina Kammerlohers klangherbem Mezzo (der über einen kleinen, hochinteressanten Schuss Essig vefügt) gut aufgehoben. Jan Martiník singt den Doktor Grenvil. In den weiteren Rollen sind Florian Hoffmann (Gastone), Grigorij Schkarupa (D’Obigny), Cristina Damian (Flora) und Dominic Barberi (Douphol) zu hören.

Daniel Barenboim dirigiert eine flüsterleise Traviata, die wie gemacht scheint für Verdi-Gourmets. Die Streicher – lachszart bis zur Tranzparenz. Die Holzbläser – schmerzlich süß. So viel Piano-Traviata ist selten. Das berührt. Zur Partysause (1. Akt) serviert die Staatskapelle hingetupfte Rhythmus-Delikatesse. Genial. Barenboim wandelt in hohem Alter auf neuen Verdi-Pfaden.

Bravi für Yoncheva und den Rest der Sänger. Einige Buhs für Lasri. Für Dorn halten sich Buhs und Bravi die Waage. Doch nicht allzu langer Applaus.

Fazit: OK. Aber die alte Mussbach-Inszenierung hatte mehr cojones.

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