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Staatskapelle Berlin Bruckner Barenboim2

Bruckner, Staatskapelle, Barenboim, Konzerthaus / Foto: twitter.com

Die Staatskapelle Berlin im Konzerthaus.

Mozarts d-Moll-Klavierkonzert KV 466 spielt Daniel Barenboim überlegen und durchdacht.

Einige Beobachtungen.

  1. Die Staatskapelle überrascht mit schläfrigem Orchester-Intro (wahrscheinlich nicht geprobt).
  2. Barenboims Klavierton: klangschwer, plastisch, sinnfällig
  3. Barenboims Passagen zeigen nicht jenes kristallin Pollini-hafte Ebenmaß, das die Interpretationen des italienischen Pianisten kennzeichnet. Aber sie besitzen Leuchtkraft, untrügliches Gefühl für Gestaltung und dramatische Wahrheit.
  4. Die Rubati könnten seltener UND weniger breit sein (z.B. 2. Mal Solothema, 2. Satz).
  5. Romance (2. Satz): Barenboim zerreißt das erste Thema nicht durch Überbetonung der rhythmischen Nachsatz-Figur der rechten Hand. Gut.
  6. Finale: Die düster-symphonischen Orchestertutti haben bewundernswürdige Energie (gute Pauke, und es wurde exzellent geprobt).
  7. Es werden die Beethovenkadenzen gespielt, besonders schön das dynamische Rück – und Vorschwingen in der knappen Finalkadenz.
Staatskapelle Berlin Mozart Barenboim 2

Staatskapelle Berlin, Mozart, Barenboim, Applaus / Foto: twitter.com

Der ultimative Qualitätstest ist die Ritardando-Passage der Romance, mit dem der expressive g-Moll-Mittelteil die Rückkehr zum Anfangstempo vorbereitet. András Schiff scheitert hieran 2012  kläglich (mit den Philharmonikern). Kissins Gefühl für Prozesse ist an dieser Stelle das Maß der Dinge. Barenboim kommt dem nahe. Er zeigt, wie weit der Raum sein muss, den Mozart in diesen Takten durchquert haben will.

Bruckner 5.

Die Staatskapelle zeigt streicherüppigen, blechgestützten Klang. Barenboim bevorzugt ein tendenziell rascheres Tempo. Jahrzehnte der Brucknererfahrung und instinktive Musikalität verbinden sich zu einer hörenswerten Brucknerinterpretation.

Meine Beobachtungen.

Satz 1:

Barenboim findet mehr und mehr Gefallen am Gar-Nicht-Dirigieren. Beim Übergang zum zweiten Thema lässt er die Arme hängen und das Orchester spielen. Die Durchführung verbindet mustergültig Freiheit und Prozess. Hier herrscht größte anzunehmende Wagnerferne. Heftiger Repriseneintritt, n’est-ce pas?  Die im Vergleich zur Exposition gestraffte Reprise überrascht mich jedes Mal aufs Neue angenehm.

Satz 2:

Ein einsamer Höhepunkt des Berliner (sowie europäischen und generell internationalen) Musiklebens ist die erste blühend-glühende Orchesterexpansion des Satzes. Barenboim hat goldrichtiges Tempo.

Satz 4:

Der nicht durch kontrapunktische Enthaltsamkeit auffallende Finalsatz ist besser als sein Ruf. Ich gestehe indes, dass ich bei all dieser verteufelten Kontrapunktik jedes Mal den Repriseneinsatz verpasse. Selbes Problem in der blechgepanzerten Coda, einem Traum in F-Dur: Ich habe als Hörer nicht die Spur einer Ahnung, wann genau die Rückkehr zur Tonika „da“ ist. Dafür leuchtet es mir heute in der drahtigen Coda zum ersten Mal unmittelbar ein, warum eine Tuba bei Bruckner ein absolutes Must-have ist (Solo-Tuba Thomas Keller).

Barenboim ist erkältet, hustet in die vorgehaltene Hand, dann auch ins Tücherl.

Solo-Fagott bei Mozart: Mathias Baier (oder?). Solo-Fagott bei Bruckner: Ingo Reuter.

Einige Stellen, wie die erste Fortissimo-Expansion des Adagio, einige Crescendi der Kopfsätze und des Scherzo, die Coda des Finales werden wohl – berlin-weit wie international – nicht fesselnder gespielt.

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