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Staatskapelle Berlin Gustavo Dudamel Probe Twitter

Die Staatskapelle Berlin probt mit Gustavo Dudamel die Alpensinfonie / Foto: facebook.com/staatskapelle

Wer meint, die tatsächliche Existenzberechtigung von Strauss‘ Alpensinfonie sei das Erkunden von Maximalschalldruckpegeln von Sinfonieorchestern, irrt. Die Alpensinfonie wirft nicht minder Geschmacksfragen auf. Produziert die Strauss’sche Ästhetik hier Alpentrash? Gar eine Art symphonisch upgesizeten Kastelruther-Spatzen-Stils? Man weiß es nicht genau. Jedenfalls ist die Alpensinfonie, eine feinfühlige Variation des bekannten „per aspera ad astra“ zu „per Latschenkiefern ad Gipfelstulle und Weizenbier“, womöglich Ziel- und Endpunkt der tonal fundierten Symphonischen Dichtung überhaupt.

Natürlich steckt das Werk voll Genialität. Da ist Gustavo Dudamel recht am Ort. Das Alphatier-Gehabe des Blechs sorgt für entspannte Lockerheit im Hirn. Das dem Werk innewohnende, zyklisch inspirierte Vor- und Rückpendeln zwischen b-Moll-Nacht und A-Dur-Sonne glückt heute Abend in alpenhafter Weite. Die glühenden Streicher führen in die Substanz des Werkes. Und Dudamels Gespür für Spannungsentfaltung sorgt für Konzentration und Prozess. Blühend ist das Farbenspiel der Bläser.

Wer jetzt noch über Stellen von fragwürdigem Geschmack meckert, kriegt von Dudamel eine Maß spendiert.

Vor der Pause die Passacaglia von Webern und Haydns 103er.

Weberns Passacaglia op. 1 ist ein glänzendes Stück. Es wirkt so frisch wie 1908 (Strauss brütet über Elektra). Die Passacaglia fängt leise an und hört leise auf, in der Mitte ein Höhepunkt – das Modell gibt das Lohengrinvorspiel vor (Die Passacaglia hat drei – heute Abend fabelhaft erhitzte – Höhepunkte). Dies Opus 1 ist ein Stück, das „klingt“, und zwar mit aller Kompliziertheit von fraktaler Mathematik. Es steckt nachgeschmeckte Romantik und vorgeschmeckte Moderne darin. Das beißende Timbre des gestopften Blechs habe ich mir gemerkt.

Die Sinfonie Nr. 103 dirigiert Dudamel lebendig fließend. So entstehen Frei- und Spielräume für die liedhaften Gesten, für undemonstrativen, goldrichtigen Rhythmus (Seufz). Eine ganz und gar überragende Interpretation. Kein Satz fällt ab. Weitere Pluspunkte: eine entspannte Lockerheit, deutliche Farben der Streicher, wienerisch-esoterisches Legato-Pulsieren der Streicher.

Dudamel gelingt bei der Staatskapelle Berlin mehr als bei den Philharmonikern.

Ein paar Philharmoniker hören zu. Astreines Konzert der Staatskapelle.

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