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Berliner Philharmoniker Joaquín Riquelme Beethovenzyklus

All-in-One (week) ist gleich Nine-in-Five (days). Wenn hier mal die drei Ausrufezeichen nicht für starke Vorfreude stehen / Quelle: twitter.com

Der neue Berliner Beethovenzyklus. 9 Sinfonien.

Die Konstanten dieses Zyklus sind aufgefrischte Tempi, zusammengepresste Orchesterschläge, opaker Tutti-Klang. Bei den Streichern herrscht Strich statt Plüsch. Die allgemeine Haltung ist die hartnäckiger Beethovenerkundung.

Rattle macht es sich nicht leicht, und uns auch nicht. Das tat er (fast) nie.

Es handelt sich um ein Beethoven-Vollbad auf stetig hohem Stressniveau.

Beethoven Sinfonie Nr. 3

Rattles Halbgott ist das Sforzato. Man hört Sforzati in den mitreißendsten Erscheinungsformen. Und die Durchführung der Dritten ist der Wahnsinn. Es gibt auch Ungeheuerlichkeiten in der Coda. Im Adagio assai höre ich Musik, die klingt wie abgenagte Knochen. Am Ende ist das Prozess pur. Melodie follows function.

Rattles Strategie: Der Hörer soll nicht glauben, er wohne einer Wiedergabe einer Beethovensinfonie bei. Nein, er erlebt vielmehr nichts weniger als die eigentliche Entstehung der Dritten – Rattles Interpretationen haben ja seit jeher diesen Live-Charakter. Die größte Überraschung heute Abend ist indes das Finale der Dritten. Das Finale wirkt weder zu lang – wie so oft – noch zu kurz.

Simon Rattles Losung ist ein deutliches Nein zum Großspursymphoniker. Rattle will den Essenzsymphoniker.

Beethoven Sinfonie Nr. 1

Bei Rattle ist die hübsche Erste ein giftiges, kleines Biest. Man kann interessante Beobachtungen machen, unter anderem die, dass die Coda des ersten Satzes wohl das Konventionellste ist, das Beethoven im sinfonischen Genre hervorgebracht hat – das gilt zumindest für die Takte nach dem ersten Fortissimo. Ansonsten kann man die erste Sinfonie eine sehr energische Studie in Sachen Sonatenallegro nennen. Dennoch ist sie voll edler Musikalität. Am beeindruckendsten ist heute das Menuett. Echt Beethovensche Blitze zucken. Es ist etwas Eindimensionales in dieser Sinfonie Nr. 1. Auf die Vernetzungsstrategie, die dann die Zweite und vor allem die Dritte so aufregend machen, scheint Beethoven erst nach Fertigstellung der Ersten gekommen zu sein. Im Finale führt Rattle mit Geschick die Verbindung von Klassizismus und Temperament vor.

Die Philharmoniker beweisen ihre außerordentlichen Fähigkeiten. Sie werden ihrem Ruf gerecht.

Großartiges Konzert.

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