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Meistersinger Premiere Staatsoper Berlin Fotos Vogt Facebook

Meistersinger Premiere Staatsoper Berlin / Foto: Klaus-Florian Vogt Fanpage / Quelle: facebook.com

Dit is‘ nichts. Andrea Moses‚ Meistersinger sind so interessant wie drei Tage alte Currywurst.

Und nein, ich glaube nicht, dass der dritte Akt am Sonntag, Glock zwölf, an dieser Einschätzung etwas ändern wird.

Das voluminöse Bühnenbild (Jan Pappelbaum) strahlt optische Schwere aus und scheint unbeleckt von jeder Schlüssigkeit. Erster Akt: könnte die Vorstandsetage einer Konzernzentrale eines deutschen Weltmarktführers sein. Zweiter Akt: könnte das Dach einer Konzernzentrale eines deutschen Weltmarktführers sein. Die Hypothese, dass die Meistersinger deutsche Konzerne lenken, ist prinzipiell eine Idee, die weder schlecht noch gut ist. Fragt sich nur, ob etwas daraus folgt. Bei Andreas Moser folgt nichts daraus. Interessant ist auch die umgekehrte Hypothese, die Andrea Moses suggeriert, dass nämlich deutsche Weltmarktführer Meistersinger sind. Fragt sich auch hier, ob etwas folgt. Es folgt nichts. Jessas, wie deppert. Die Prügelszene zeigt raufende Hertha- und Unionfans. Lokalpatriotismus – wie peinlich. Klamauk in einer Operninszenierung ist per se nichts Böses. Er sollte nur mehr Biss haben. Dass dauernd diverse Darsteller die Deutschlandfahne drehen, das dünkt doppelt deppert. Trotz deutschem Fahnerl und Mittelstandsikonographie scheinen die Meistersinger von Andrea Moser so unbeschwert unpolitisch wie nur was. Zum Haareraufen.

Die Sänger.

Im Mittelpunkt steht Wolfgang Kochs geniale Präsenz. Koch gelingt ein Poetenporträt von höchst könnerhafter Schludrigkeit. Stimmlich positioniert Koch seinen Sachs zwischen Kernigkeit und differenzierter Deklamation – sehr präsent falls nötig, sehr wortpräzise falls möglich. Den großen Monolog im zweiten Akt singt er mit dem Ohr für Zwischentöne und dem Sinn für das verrätselt Tiefsinnige der Meistersinger.
Eva Julia Kleiter, optisch ein hochgewachsen-blondes Inbild, agiert wie jemand, der vor lauter Fokussierung auf den absoluten Heiratswillen die Gäule durchgehen. Kleiter brilliert sängerisch dank eines himmelblauen Soprans, der wunderbar leicht anspricht – und wenig genuine Expression hat. Stimmschönheit ja, Seelenzustände nein. Es ist deshalb überraschend, wie nah Julia Kleiters Singen im Quintett des dritten Aktes an der Perfektion ist („Selig wie die Sonne meines Glückes lacht“). Reinheit, Intonation, Empfindung, alles passt hier.
Sehr gut! Stolzing Klaus-Florian Vogt hat seinem androgynen Timbre einen Klacks Virilität beigemengt. Ich vermute bei ihm wie eh und je Tonhöhenverrutscher und zucke ob seiner bauklötzchenhaften Phrasierung hin und wieder regelrecht zusammen. Doch die charakteristische Strahlkraft der Stimme in den oberen Registern ist famos. Kurzinfo zur Stimme: leicht-lyrischer Ton, dynamisch äußerst sorgfältig, vibratoarm, neutrales Timbre, kaum rhythmische Energie, wenig spontan. Schön dass das Publikum Vogts nettes Blackout im 3. Akt denkbar humorvoll nimmt.
Der Veit Pogner von Kwangchul Youn ist René Papes Verkörperung der Rolle in der alten Harry-Kupfer-Inszenierung ebenbürtig. Youn fügt indes seiner Interpretation dem inständigen Wohllaut, der sowohl Pape als Youn auszeichnet, winzige Dramatisierungen, Akzente und unvermutet ins Fahle drehende Farben hinzu. Ein Gedicht.
Dem Sixtus Beckmesser von Markus Werba gelingt heute Abend alles. Eine Bombenstimme. Ich verstehe jedes Wort.
Anna Lapkowskaja (Magdalene) assistiert Evchen mit gutturalem Mezzosopran, ist bisweilen indes leider nur leidlich verständlich. Ach Jottchen, wie ihre Liebe zu David rüberkommt – alle Achtung. Da kann ich den David nur beneiden. Verlässlich im allerbesten Sinn der David Stephan Rügamers.

Die Meistersinger, dieser Kreis sangesseliger Singmeister, bestehen heuer aus so erlauchten alten Haudegen wie Siegfried Jerusalem, Franz Mazura, Reiner Goldberg, Graham Clark oder Olaf Bär. Jünger doch nicht minder solide singen Gyula Orendt, Jürgen Linn, Paul O’Neill und Arttu Kataja. Der in der Prügelszene ins Jenseits beförderte Nachtwächter ist Jan Martiník (voluminös, weiche Textur).

Daniel Barenboim und die Staatskapelle.

Tempo und Hitze sind echter Barenboim. Für den choralinspirierten Neobarock der Oper, der letztendlich nur eine unendlich raffinierte Variante später Romantik ist, findet Daniel Barenboim Zwischentöne en masse. Erstaunlich wie Barenboim bei Espressivo- und Rallentando-Stellen eine schier brahmsige Verhangenheit freisetzt. Ich meine das bis in die Unterströmungen der kammermusikalisch verdichteten Strukturen in den vier Schusterwerkstattszenen im dritten Akt zu hören. Ein Seitengedanke kommt unweigerlich bei Barenboims C-Dur: Wagner verstand seine Meistersinger ganz ähnlich wie Beethoven seine Achte, nämlich als vollendet virtuose Etüde in klassizistischem Aplomb.

Fazit: Andrea Moses inszeniert die ersten beiden Akte mit bleierner Uninspiriertheit. Der dritte Akt gewinnt Tempo, wenn auch nicht Tiefe. Die Besetzung ist wenn überhaupt nur noch in homöopathischen Dosen optimierbar. Wolfgang Koch ist primus inter pares. Barenboim liefert für diese vielleicht reichste Oper des 19. Jahrhunderts die alles überwölbende Musik.

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