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Philharmonie, Schönberg und Nielsen.

Berliner Philharmoniker.

Arnold Schönberg, der größte Melomane aller Zeiten, komponierte auch Die glückliche Hand. Das Stück ist weniger bekannt als das Schwesterwerk im Werkkatalog, die „Erwartung“.

Auch in der glücklichen Hand herrscht expressionistischer Bierernst. Der reale Hintergrund: eine Dreiecksgeschichte, bei der Schönberg die Hauptrolle spielte. So viel zu „Vom Leben in die Kunst“. Und doch: Die glückliche Hand ist natürlich ein Meisterwerk. Ich höre Schönbergs besserwisserische Flamboyanz. Seine explosiven Streicherkantilenen, die immer so rhetorisch klingen. Das aufgefächerte Orchester ist so bunt und genau wie in den allseits beliebten Schönberg-Hits. Dazu die durchsichtige Leichtigkeit der Holzbläser. Melodien, die furchtbar effektiv sind. Vielstimmigkeit ganz ohne Nebenstimmen. Hat je ein Komponist genialere Höhepunkte zusammengefrickelt? Bassbariton Florian Boesch singt. Mitglieder des Rundfunkchors Berlin singen. Diese sowie Simon Rattle und das Orchester sorgen für die angemessene Inständigkeit der Aufführung.

Es gibt zwischen Schönberg und Nielsen einen Temperamentsunterschied. Schönberg ist Choleriker. Nielsen Sanguiniker.

Zu Carl Nielsen. Zuerst Pan und Syrinx. Ich kann dem Stück eine wunderbare Ruhe nachsagen. Es ist leichtfüßig, man höre die schlaksige Grazie des Englischhorns.

Und dann Carl Nielsens sanguinische Sinfonie Nr. 4.

Es ist die inzwischen dritte Nielsensinfonie, die in der Originalfassung auf dem diesjährigen Musikfest Berlin zu hören ist. Es zeichnet sich eine Physiognomie Nielsens als Sinfoniker ab: Höhepunkte, die sich in derber Kinetik austoben. Straighte Themen, die in akustischem Krawall münden. Das Klangbild der Ecksätze ist rau, gerne auch unübersichtlich. Die Klangbalance ist wild, vom Orchester kaum akkurat abzubilden. Blech und Holz gehen Verbindungen ein, die in gewalttätigem Blöken resultieren. Kaum ein unvoreingenommener Hörer dürfte in der Lage sein, zusammenzufassen, mit welcher Strategie Nielsen in den Ecksätzen vorging. Zwei Mal dachte ich, aha, Reprise, aber nix wars.

In das Poco Allegretto spielt ein Rosenkavalierrokoko hinein – oder ein Meistersingerbiedermeier. Am beeindruckendsten ist das Finale. Es klingt, als würde eine Dorfkirmes explodieren.

Bernard Herrmanns Psycho: A Narrative for String Orchestra belegt, welche Wirkung die einschlägigen Sex-and-Crime-Stellen der Literatur entfaltet haben. Als Vorbilder wären zu nennen: Salome (das gewalttätige Pizzicato der Enthauptungsszene), Elektra (Streichertremoli vor der Ermordung Ägisths), Etliches aus der exzentrischen Phase Schönbergs sowie Tosca (Vergewaltigungs- und Selbstmordszene).

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