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Bayreuth Walküre 2015.

Die Walküre, diese unkaputtbare Inzestverherrlichung.

Hartgesottene Wagnerianer schätzen an der Walküre die Kreuzung aus Pathos und sanfter Erotik.

Unmusikalischen erklärt man die Walküre am besten so: Wo der Bruder mit der eigenen Schwester.

Warum lohnt sich Frank Castorfs Ring? Gekonnt geschmackloser war noch keine Bayreuther Inszenierung.

Musikalisch bietet die diesjährige Bayreuther Walküre Licht und Schatten. Im Licht Sieglinde und Wotan. Im Schatten Siegmund und Brünnhilde.

Zuerst aber zum diesjährigen Hunding, dem Bass Kwangchul Youn. Ich dachte immer, Youns Karma habe ihn dazu bestimmt, den innersten Regungen reifer, kultivierter Männer vollendet Ausdruck zu verleihen. Also von Männern, die das Gegenteil des vierschrötigen Hunding sind. Weit gefehlt. Kwangchul Youn singt einen klangschönen und nuancierten Hunding. Freuen wir uns auf Kwangchul Youns Berliner Pogner im Oktober.

Es gibt ein Problem mit dem helltimbrierten Siegmund von Johan Botha. Bothas Siegmund besitzt die emotionale Flexibilität eines Berliner KFZ-Mechatronikers. Im ersten Akt herrscht bei Botha einfach zu viel emotionale Wüste. Botha lebt erst auf, wenn Wagner dem Orchester ein Fortissimo vorschreibt. Selten klingen die „Winterstürme“ so unsexy. Immerhin hat „So blühe denn Wälsungenblut“ ein schönes zweigestrichenes A, das gut klingt, von welcher Seite man es auch anhört.

Sieglinde = Anja Kampe. Och, wie sexy. Die dunkle Stimme ums C und D in „sein mächtiges Dräu’n“ hat eindeutig Format. In Kampes Kehle brennen verborgene Flammen. Gebannt verfolge ich die flutenden Melodiebögen. Das Vibrato schwingt sinnlich. Kampe führt ihren Sopran organisch und suggestiv.

Wotan Wolfgang Koch hat vokale Spannung in der Kehle. Die Seele nimmt bei Koch jeden Winkel der Lunge ein. Es ist ein hell-baritonaler Wotan, dessen schallkräftige Höhe beeindruckt. Muss Koch in den Stimmkeller, wird’s brenzlig. Aber: diese knorrige Spontaneität. Diese Lockerheit beim Singen. Diese kantige Kantabilität. Übrigens folgt Koch Wagners Anweisungen anlässlich der Proben Anno 1876 recht genau. Schwächer sind die verhaltenen Passagen („sehr leise“) zu Beginn der ersten Wotan-Brünnhilde-Szene. Kaum ein Wotan begegnet derzeit Wagners Wille zur Ergriffenheit mit unverstellterer Frische. Am Rande sei angemerkt, dass der Zuhörer mitunter Simmrisse bei leisen Noten hört.

Die Fricka Claudia Mahnke hat nicht nur das Temperament, sondern auch die Stimme, dieses angemessen darzustellen. Ihr Vortrag ist von großer Lebendigkeit. Hören Sie mal das A in „die Göttin entweiht er nicht so“. Claudia Mahnkes ausgestoßener Atem ist schon Drama. Ich habe jede einzelne Amplitude ihres Vibratos genossen.

Brünnhilde wird von Catherine Foster gesungen. Womit beginnen? Punkt 1. Die Phrasierung ist bestenfalls eckig, meist aber unbedeutend. Punkt 2. Ihre Stimme hat wenig vokales und kaum emotionales Gewicht. Punkt 3. Nur bei den großen

Catherine Foster Bayreuth Brünnhilde

Wirklich? Catherine Foster ist die Brünnhilde 2015 / Quelle: twiter.com

Aufschwüngen hält sie à peu près, was man von einer Bayreuther Walküre erwarten darf. Probleme mit der Tonhöhe, von denen berichtet wurde, kann ich nicht bestätigen.

Catherine Foster Bayreuth Brünnhilde2

Impressive? Ach, diese Angelsachsen! / Quelle: twitter.com

Eine blutlosere Todesverkündigung wird es wahrscheinlich erst im nächsten Jahrhundert geben.

Die weiteren Pferdenarrinnen singen Simone Schröder (Grimgerde), Julia Rutigliano (Siegrune), Dara Hobbs (Ortlinde), Claudia Mahnke (Waltraute), Christiane Kohl (Helmwige), Allison Oakes (Gerhilde), Alexandra Petersamer (Rossweisse), Nadine Weissmann (Schwertleite).

Kirill Petrenko? Im 1. Akt finde ich die Siegmund-Sieglinde-Szene schleppend. Ein „Langsam“ ist wirklich langsam. Ich könnte schwören, dass das Botha auch so sah. Bei den „Winterstürmen“ ist das Tempo OK. Die Einleitung zum 2. Akt hat glänzendes Tempo. Das Orchester macht, was Petrenko will. Gut. Die Steigerungen ergeben Sinn. Sein Dirigat hat Kraft, ist unverschämt griffig und hat Rasse, wenn auch stets eine Tendenz zum Partitur-Dirigieren – und nicht zum Musik-Dirigieren – fühlbar bleibt. Mir fehlt vorerst die Kraft zur Synthese, was bei Barenboim die Gewalt des Rhapsodischen ist, und bei Simon Rattle die Fähigkeit, Klang zur Kernschmelze zu bringen. Wann klang das Feuerzaubermotiv des Schlusses, dieses Klimpern der sechs Harfen plus Piccoloflöte, je so nach Minimal Music?

Lesen Sie die Kritik zur Bayreuther Walküre 2016 mit Marek Janowski.

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