Schlagwörter

Bayreuth. Fliegender Holländer. Ich höre BR.

Der fliegende Holländer: eine Sinfonie des Sturmes, gemalt in norwegischem Kolorit. Eine Biedermeieroper. Im Zentrum steht ein uralter jüdischer Hokuspokus. Eine einsame Dame, die den Kopf voller Flausen hat. Und ein komplett humorloser Bräutigam mit dubioser Vergangenheit.

Was machen die Sänger und Musiker daraus?

Kwangchul Youn ist ein Sänger, der allein schon dadurch, dass sein Name auf einem Besetzungszettel erscheint, eine Aura differenzierter Kantabilität verbreitet.
Kwangchul Youns künstlerisches Feingefühl lässt ihn die in der Rolle angelegte Biederkeit nicht über Gebühr betonen. Ein dicker Pluspunkt. Die verschiedentlichen, von Wagner verordneten Ausbrüche von Bonhomie singt Youn stattdessen mit warmem Ausdruck. Das ist ausdrucksvoll, voller Finesse der Linie, zudem ein wundervoll kontrollierter Klang – und ein gutes Beispiel für die Verbindung von Kraft, Schönheit und Intensität. Schon der Einstieg „Kein Zweifel! Sieben Meilen fort“ ist eine Wohltat für beide Ohren.

Benjamin Bruns Bayreuth 2015. Foto: Enrico Nawrath/Bayreuther Festspiele

Fliegender Holländer, Bayreuth 2015: Benjamin Bruns im Nullmaster. Foto: Enrico Nawrath/Bayreuther Festspiele

Benjamin Bruns ist ein Steuermann von überdurchschnittlicher Sensibilität, der zudem seinen Tenor sehr genau einsetzt.

Der Holländer von Samuel Youn macht neugierig aber nicht restlos glücklich. Samuel Youn kämpft mit einem Luxusproblem. Sein Bariton kann so hell und so imponierend mühelos klingen, dass die Stimme, mit Verve eingesetzt, zu unnatürlicher Affektschilderung neigt. Die dramatischen Effekte haben etwas Glorioses. Im Duett im 2. Akt bezaubert Youn mit schlank gefasster, metallisch leuchtender Stimme. Apropos Registerunterschiede: Ganz unten ist der Bariton schwarz und zäh wie Teer.

Jaja, der Daland und sein Holländer: Da finden Schwiegervater und Schwiegersohn zu einander.

Christa Mayer gelingt die Wandlung von Brangäne, als die sie sich vor sechs Tagen an gleicher Stelle um die liebestolle Isolde kümmern musste, zur resoluten Mary, die ein Rudel halbflügger Norwegerinnen in Schach halten muss, überzeugend.

Und Senta? Ricarda Merbeth leiht der feschen Norwegerin eine robuste Stimme, eine gesunde Höhe und eine Phrasierung, bei der man weiß, was man hat. Hole 100 Männer zum Blindtest und lasse Merbeth singen. Selbst ein alkoholisierter Anhänger von Udo Lindenberg wird bestätigen, dass diese Stimme keiner Achtzehnjährigen gehört. Warum höre ich Frau Merbeth gerne? Sie ist glaubwürdig. Sentas Ballade aus Merbeths Kehle ist der nicht immer wohlklingende, aber restlos überzeugende Beweis, dass Senta bekommt, was sie will. Ein Sopran, der die Kraft eines Bohrhammers mit der gründlichen Eleganz eines Zweihand-Winkelschleifers verbindet.

Erik Tomislav Mužek gelingt eine durchdachte und angenehme Interpretation. Der feurige Erik, dem Wagner so viel treudoofe Biederkeit mit auf den Weg gegeben hat, dass noch jeder Interpret daran gescheitert ist, aus Erik einen Justin Bieber zu machen, glänzt heute Abend sogar mit Belcanto-Aufschwüngen. Im Übrigen erschien mir „Ich muss zum Port“, das sich auf „Ach, lass mich fort“ reimen muss, immer einer von Wagners unglücklichsten Reimen.

Axel Kober dirigiert. Die Ouvertüre ist ein bissl trocken, hat aber hübsches Tempo und Übersicht. Kobers leidenschaftliche Fortissimos wünschte ich differenzierter. Mehr Fokus für mehr Schmackes! Kober wählt den Mittelweg zwischen Ausdruck und Linie. Aber den zahlreichen Detailschilderungen der Wetterphänomene im Orchester widmet Kober viel Aufmerksamkeit. Thielemanns handwerkliche Meisterleistung der Vorjahre freilich kann Kober nicht vergessen machen. Im Gedächtnis bleibt die kurze Phrase des Solohorns nach Dalands „Mir ist nicht bang“.

Die Regie von Jan Philipp Gloger muss man nicht mögen, um ihr zuzugestehen, dass sie funktioniert. Ehrlich gesagt, ist sie eine der besten der vergangenen Jahre.

Der Chor ist gut eingestellt. Grüße aus Berlin an Eberhard Friedrich.

Der Bayreuther Fliegende Holländer ist  nicht besser und vielleicht schlechter ist als einer der Berliner oder Münchener. Der Münchener Holländer der letzten Saison war ja recht übel. Der Berliner Staatsopern-Holländer ist immerhin ein Hingucker und prunkte mit Daniel Hardings Leitung.

Hier lesen: Die Kritik des Bayreuther Holländers 2016

Advertisements