Vor der Philharmonie. Ich summe das Hauptthema des ersten Satzes. Ein Pummelchen hält einen Flyer vom Klavierfestival entgegen. Pfffff… Hinter mir summt einer das 2. Thema des Finales. Das sind die echten Kenner.

Haitink zählt zu den rosigen Greisen. Er hat sich eine leichtfüßige Freundlichkeit bewahrt. Man bringt der Physiognomie Sympathie entgegen: die kluge Nase, die knittrige Stirn, die tadellose Haltung, der gut sitzende Frack. Die anmutige Fliege.

Bruckner 4.

Haitink lässt der sanften Skyline des Hauptthemas Platz. Es gibt eine behäbige Expansion gegen Ende des 1. Themenblocks. Typisch auch die Gemächlichkeit des Durchführungsbeginns. Frage: Bummelt Haitink hier nicht sogar??? Fergus McWilliam (Horn) bläst die Einleitung zur Durchführung vorsichtiger, weniger mit kuhglockenartiger Fülle wie Stefan Dohr die entsprechenden Stellen zuvor oder danach, aber McWilliams Hornstelle ist eine der Stellen, die ich nächste Woche auch noch im Kopf haben werde – vielleicht weil sie eine der raren introvertierten Passagen des Abends ist.

Die ganze Reprise wirkt weniger ruhevoll – 2. Thema fast eilend -, so als wollte Haitink möglichst schnell zur wirkungsvollen Coda mit den stichflammenartigen Crescendi kommen. Aber alles, was Prozess und Übergang ist, ist so ein bissl geheimnislos, auch der Beginn der Durchführung, auch das Abebben der in choralartiger Breite gespielten 1.Thema-Hochfläche der Durchführung. Mir ist nicht ganz klar, was für einen Klang Haitink will. Ich hätte das Blech mehr gesteuert. So kommt es, dass manches ausschmückenden Charakter hat.

Zum Zeitpunkt des 4. Satz bin ich restlos zufrieden. Das ist immer der Punkt, wo man, geplättet vom x-ten Crescendoverlauf, alles toll findet, Hauptsache es ist volles Rohr, möglichst laut und die Blechbläser toben sich bis zur drohenden Hypoxie (violette Lippen, bläuliche Gesichtsfarbe, Ohnmacht) aus.

Zum Vergleich: Stanislaw Skrowaczewski machte mit dem RSB eine stringentere, klarere Vierte, Thielemann mit den Philharmonikern eine prachtvoller-tizianeske. Haitink ist hörbar behäbiger als Rattle und im ersten Satz wohl über eine halbe Minute langsamer. Rattle spielte auch die Nowak-Version. Barenboim ging die Vierte mit einer erregenden Verquickung von argentinischem Herzblut und der bedrohlichen Effektivität eines Mossad-Agenten an und war Lichtjahre schneller.

Vorher gab es mit Emmanuel Ax gepflegten Mozart. Ehrlich gesagt, war mir das Jenamy-Konzert zu lang. Trotz thematischer Fanfare, trotz Witz, rhythmischer Vielfalt, trotz harmonischer Perioden, trotz wahnsinnig interessanter Solo-Exposition, trotz überschwänglichen, seitenlangen Lobs des Werkes durch Charles Rosen in „Der klassische Stil“. Mit Emmanuel Ax habe ich das gleiche Problem wie mit Andras Schiff. Es ist alles so gemeint, wie es klingt. Man versteht immer genau, was er sagen will. Es gibt bei Ax keine Rätsel. Aber Ax‘ Ton ist schnörkellos, ganz leicht kühl, wunderbar klar.

Streicher Mozart: 9,9,6,4,3. Streicher Bruckner: 16?,16?, 12,10,8. Stimmt vielleicht auch nicht.

Wenzel Fuchs Klarinette, Damiano Fagott, Pahud Flöte. Kashimoto Konzertmeister. Quandt 1. Solo-Cellist. Saksala 1. Solo-Bassist.

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