Ein ungewöhnlich reichhaltiges und gelungenes Konzert.

Der Abend dient als Gedenkkonzert für Claudio Abbado.

Das Adagietto (Mahler, 5.) dirigiert Zubin Mehta als Anti-Abbado, also denkbar unphilosophisch, aber wunderbar feinfühlig – der Begriff „plüschig“  verbietet sich bei diesem Anlass – und nobel. Der Satz hat mehr Charme als Sentiment, was nicht das Schlechteste ist, was ihm passieren kann. Den Septdezim-Glissando-Absturz spielen die ersten Geigen der Wiener Philharmoniker mit einem höheren Maß an Mahler-Besoffenheit – will sagen: raffinierter, beiläufiger, hypnotischer. Die letzten Forzati knurren die Kontrabässe unnachahmlich als grimmigen Abschiedsgruß Abbado hinterher. Im übrigen erfüllt Mehta die Phrasierungs- und Lautstärkevorschriften Mahlers mit äußerster Genauigkeit. Das Publikum folgt der Bitte, nicht zu klatschen.

Die neben mir: „Was kommt jetzt?“
Der neben ihr: „Beethoven, 9. Klavierkonzert“.
Lachen.
„E-Moll“.

Beethoven, Klavierkonzert Nr. 5

Den pompösen Einstieg spielt Rudolf Buchbinder spröd und dürftig. Aber dann bekommen ich (und er) Appetit. Das Leggiermente des 2. Themas spielt er flüssig, mit Ausdruck. Es folgt ein einsichtiges Rubato (Staccato) über dem Solo-Cello. Für die Durchführung hat Buchbinder genug Zartheit und Energie für eine Interpretation von großer gestalterischer Freiheit. Ein Genuss die präzisen, furztrockenen Triller zu Beginn und das klare, einfache Espressivo-Thema gegen Ende der Durchführung. Die Oktavpassagen spielt Pollini makelloser, die Kraftstellen der Coda Kissin genialer. Klar.

Aber Rudolf Buchbinders Klavierspiel lässt sich als eine Mischung aus Nüchternheit und eigensinniger Altersvirtuosität beschreiben. Seinem Spiel wächst eine nicht unbedeutsame philosophische Komponente zu. Ich würde Buchbinder deutlich über die allermeisten Pianisten stellen, die ich in den letzten Jahren mit Beethoven gehört habe. Um die Besprechung der pianistischen Leistung nicht ausufern zu lassen, weise ich als letztes auf die Kraft, Übersicht und Klarheit Buchbinders bei dieser sechstaktigen Trillerpassage im Adagio hin.

Zubin Mehta, an Willensstärke Rattle (ebenso wie Buchbinder Uchida) unterlegen, schafft eine Lockerheit und Wärme, eine Art Überbau-Emphase, die unterhält und berührt und die ich heute Abend ungern gegen – beispielsweise – Harnoncourts klapperdürre Kahlheit eintauschen wollte.

Dass Zubin Mehta mit Heldenleben Erfolg haben würde, war so sicher wie das Amen in der Kirche. Der pompösen Genialität des Stücks begegnet Mehta mit meisterlicher Übersicht.

Der Typ neben ihr: „Kennst du den Solo-Hornisten?“
Sie: „Nö“.
Es ist Eric Terwilliger vom BR-Symphonieorchester.
Sein Ton ist leichter als der Stefan Dohrs, seine Phrasierung eleganter. Aber Dohr… ist be**er.

Weizäcker hört zu. Kommt er dann morgen überhaupt zur Staatsopernpremiere von Katja Kabanowa?

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