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Brahms‘ 1. Sinfonie hat eine lange Vorgeschichte.

Bei Janowski ist sie ziemlich kurz. Nicht die Vorgeschichte, die Sinfonie. Marek Janowski ist auf Strenge und Fortgang bedacht. Janowski unterstreicht das Tempo. Das Tempo gewinnt unter seinen Händen belebende Kraft.

Einige Details.

Der 1. Satz: Berliner Herbheit, offen und unverstellt. Ganz hörbar klingt das Einsetzen der Reprise so, als begänne eine zweite, noch wildere Durchführung. Das Andante sostenuto ist flüssig belebt, es fliegt an uns vorbei. Die Einsätze der Bläsersolisten und die Pizzicati der Celli fliegen. Das Tempo ist nicht nur hier entzückend rasch. Das RSB macht einen guten Job. Eine feine Note Melancholie (Geigen) bereichert das Andante. Aber nur eine feine. Janowski und Gefühle breittreten? Never. Janowski ist präzise und unsentimental. Krass.

Aber der Haupteindruck ist das gute Tempo.

Eine Dame, die nach Konzertende in der Schlange vor der Garderobe feststeckt: „Jetzt bringt es gar nichts, dass Janowski so schnell war“.

Die Mankos. Oder besser gesagt, weitere Details:

Dem 1. Satz fehlte das Sahnedupferl, eine etwas weniger barsche klangliche Entfaltung. Ich weiß, Geschmäcker sind verschieden. Aber einige der härteren der 158 Fortissimos in den Streicherstimmen – inklusive Wiederholung der Exposition – eigneten sich als Untermalung für Filmszenen, in denen Bud Spencer die Hauptrolle spielt. Beim Finalsatz klingt das 2. Thema lasch. Lyrisches kostet Janowski NICHT aus. Aber dennoch ist überall selbstverständliches Niveau da.

Mit einem Wort: ein erstklassiger Anti-Plüsch-Brahms.

Janowskis knusselige, sparsame Zeichengebung kann amü-, äh faszinieren.

Es war zu vermuten, dass Janowski kein begeisterndes Berg-Violinkonzert hinbekommt. Wenn dies einmal der Fall sein sollte, dann sicherlich erst nach der Gründung des ersten Sinfonieorchesters auf dem Mars. Selbst Ignoranten („Berg, also nee“, Weste, Rautenmuster, sieht trinkfest aus) müssen gehört haben, dass hier Feuer und Biss fehlten, und die Musiker berechtigte Zweifel daran gehabt haben, dass Janowski die nekrophile Wiener Neuromantik, die das Stück auszeichnet, zu seinen geheimen Leidenschaften zählt. Erschwerend kommt hinzu, dass Gil Shaham trotz seiner großen Fähigkeiten nicht Reinheit des Tons, dafür aber Farbe und Kraft vermissen lässt, was auch für die Zugabe, Bachs Gavotte en Rondeau aus der Partita Nr. 3, gilt.

Aber besser der Abend kommt nach einem mauen Beginn noch mal richtig in Schwung als andersrum. Also: Berg hop, Brahms top.

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