Wir alle sind Bruckner-Fans. Ich, du, Sie, jeder. Meine Frau nicht. Hat noch nie Bruckner gehört.

Die harmonische Strategie der Fünf Motetten a Capella klingt ein bissl harmlos – oder nazarenisch. Aber die Stücke machen besonderen Spaß. Im 3. Stück singen die hohen Tenöre die absteigenden Sekundstufen (kratz, kratz, waren das Sekunden?) des abschließenden Halleluja wie ein Gute-Nachtlied. Marek Janowski leitet lebendig, fast unruhig akzentuiert. Der Rundfunkchor singt. Die hohen Soprane singen makellos, mit einer Note fröhlicher Aggressivität. Die Bässe gut gelaunt und selbstbewusst. Wer kann mir sagen, ob diese Brucknermotetten naive Hochromantik oder raffinierter Historismus sind?

Bei Messiaen (L’Ascension) sind die Streicher a bissl dünn. Das Blech ist lauter. Am besten gefällt mir Majesté du Christ (1. Stück), ein (fast) fehlerlos ausgebreitetes Panorama unterschiedlicher Blechvaleurs, dem man thematische Einfältigkeit vorwerfen könnte, wäre das Ganze nicht von solch entwaffnender Erhabenheit. Dann kommen der 2. Satz, der Holzbläser-Bukolik bietet, der energische 3. Satz – purer Strawinskyismus zu Beginn – sowie die sanfte Mahler-Nachlese der Streicher des 4. Satzes.

Bruckner, 9. Sinfonie

Und nun der Hauptgang.

Janowski gehört nicht zu den Dirigenten, denen es an Verständnis für sinfonische Architektur mangelt. Die Brucknerischen Steigerungen und Entspannungen wirken von langer Hand geplant und mit kühlem Kopf ausgeführt. Die Ausbrüche des 1. Themas geschehen mit robustem, hart strahlendem Klang über wilden Schraffuren der Geigen (Jawoll!). Das 2. Thema darf blühen, klingt aber wie unter Stress gesetzt von leichtem Eilen. Unmittelbar einleuchtend ist die Rüchnahme der Dynamik beim 2. Auftauchen des Themenkopfs. Das auf das 2. Thema folgende Entspannungsfeld wird exakt ausgespielt (Schmankerl). Ebenso der Beginn der Durchführung. Aber Janowski ist äußerster Leisheit abgeneigt. Das ebnet Wirkungen ein. Coda 1. Satz: Bei den Stichen der höchsten Trompeten wird mir warm ums Herz.

Das Rundfunk-Sinfonieorchester Berlin nimmt seine Aufgabe ernst. Hätte Bruckner in der Neunten einen Witz versteckt, man hätte ihn heute Abend nicht gehört. Hat Bruckner nicht, aber dennoch. Man hätte ihn nicht gehört.

Scherzo: komprimierte Schallgewalt und aggressive Härte. Janowski strahlt grimmige Grandezza aus.

Adagio: schwerfälliger Fluss, sehr beherrscht. Heute dachte ich, dass die Wagnertuben im 3. Satz keine gute Erfindung von Bruckner waren. Ich ziehe die klaren Hörner den hauchigen, körnigen Tuben vor.

Tempo: 1:02 Stunden. Subjektiv hätte ich auf eine kürzere absolute Zeit getippt, da die Big-Bang-Stellen ebenso wie die lyrischen von einer gewissen eilenden Rastlosigkeit grundiert schienen. Aber naja, man täuscht sich. Die 9. Sinfonie bei Rattle: knapp 1 Stunde. (Frühjahr 2012). Bei Barenboim 1:01 Stunden (Sept. 2012).

Das Orchester wird mit ostentativem Applaus empfangen. Geigen links, Kontrabässe rechts.

Janowski hat scheints Rückenschmerzen. Die vier Stufen vom Podium runter geht er langsam.

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