Schönbergs Gurre-Lieder. Die Berliner Philharmoniker, Simon Rattle dirigiert.

Soile Isokoski, Stephen Gould, Karen Cargill, Burkhard Ulrich, Lester Lynch sowie MDR Rundfunkchor Leipzig, WDR Rundfunkchor Köln und Rundfunkchor Berlin singen.

Das Wunder ist, dass die Gurre-Lieder bei aller extremen Buntheit von großer Klarheit sind. Arnold Schönberg setzt Farben mit sicherster Hand. Schon das Vorspiel inszeniert seinen sinnlichen Schmelz traumwandlerisch sicher.

Natürlich ist das Werk ein Mega-Klops. Neo-Romantik reinsten Wassers. Eine aparte Mischung aus naiver Esoterik und jugendstiligem Kunstwahn. Aber ich wette, wer seine ästhetische Nase besonders tief in die Gurre-Lieder steckte, fände in ihnen eine Art Lustige-Witwe-Idiom („Du sendest mir einen Liebesblick“). Mir kommt ein diffuser Gedanke: Komponierte Schönberg nie weniger jüdisch (???). Doch von der Geistesgeschichte der vorletzten Jahrhundertwende zurück in die Philharmonie. Es ist eine Partitur der sanft glühenden Bögen, innerlich leuchtend, voller Raffinesse und gespickt mit Passagen, die dem Zuhörer zahllose Flow-Zustände gewähren.

Rattle führt das Giganto-Ensemble exquisit und geschmeidig durch die in endloser Folge auf- und abebbenden Spannungs- und Entspannungskurven. Polstert in vielfacher Schichtung Instrumental- und Vokalstimmen zu akribisch aufgefächerter Klangfülle, liebevoll um jedes noch so kleine solistische Blümchen bemüht, das die Partitur ihm willfährig bietet.

Die honigglänzend leuchtende Schlusstotale macht mich mit ihrem menschenliebenden Optimismus fix und fertig.

Die Rundfunkchöre Leipzig, Köln und Berlin steuern umsichtige Chorwogen bei.

Auffällig sind Anleihen bei Wagner: Der Narr ist eine Kombi aus Mime und Beckmesser. Oder der siegfriedelnde dynamische Sturm des Orchesters nach Waldemars „Nun dämpft die Dämm’rung jeden Ton“.

Ich überlasse das Schlusswort Karen Cargill, die um 22.05 Uhr heute Abend twittert: „Now in the dressing room having a beer and a pretzel with Soile!“

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