Musikfest Nr. 2.

Ich bin wegen Phaedra und Angela Denoke da.

Brittens Phaedra ist eine Verbeugung vor der englischen (Purcell) und französischen (Racine) klassischen Tradition. Die Verwendung eines kleinen Orchesters führt zu eher repräsentativem, stellvertretermäßig wirkendem Klang. Die Musik ist unplastisch, schemenhaft, in der Orchesterbegleitung von rein rhetorischer, ja simplizistischer, bisweilen Lego-mäßiger Wirkung, und fasziniert denn doch. Mühelose und absichtsvolle Versiertheit kennzeichnen das Werk, das ein Wiederhören mit Angela Denoke und der Interpretationskunst ihres von einer kühlen und bisweilen schwerfälligen Körperlichkeit gekennzeichneten Soprans bringt, der besonders in der Höhe einen Umfang besitzt, der mehr als tragödienkompatibel ist. Die Stimme gewinnt in der Höhe muskulöse, kompakte Strahlkraft. Charakteristisch ist ebenfalls das unsinnliche Vibrato – sozusagen das leibhaftige Gegenteil des Eroto-Vibratos von Frau Bartoli. Das neobarocke Parlando, für das sich Britten in Phaedra besonders interessiert, liegt ihr weniger. Denokes Spannungsaufbau zur abschließenden Verszeile hin ist der Höhepunkt des Konzerts.

Ein anderer ist der objektive Klang, den sie für „Tri Lilii“ aus Schostakowitschs 14. Sinfonie findet.

Schostakowitsch stellt in Präludium und Scherzo op. 11 vier Violinen zwei Bratschen und zwei Celli gegenüber. Verglichen mit dem ostentativen Modernismus von Opus 11 ist Schostakowitschs Sinfonie Nr. 14 ein Trauerkloß. Der Autor gesteht, dass er hin und wieder allergisch auf die Sinfonien Nr. 11 bis 14 reagiert, diese Epopöen von geradezu enzyklopädischer Menschheitsbefindlichkeit. Heute auch wieder.

Teodor Currentzis trägt Kittel. Seine spindeldürren Beine stecken in einer zu kurzen Hose. Seine phänomenale Hagerkeit sowie die Neigung zu gummiartigen Verrenkungen lässt das perfekte Bild von Till Eulenspiegel vor dem inneren Auge des Zuhörers entstehen. Der Dirigent gilt als talentiert. Er ist es. Das gilt besonders für den organischen Zusammenhalt der Stücke, aber auch für die durchdringende Lebendigkeit all der Phrasen, Gesten, Orchesterseufzerchen, Streicherschlenkerchen und Ähnlichem, die heute Abend zu hören sind.

Das Chamber Orchestra of Europe lacht live deutlich weniger als auf dem einigermaßen bekloppten Promo-Foto auf berlinerfestspiele.de. Der Klang verzichtet auf die kollektive Geschlossenheit der großen Formationen. Der kontinuierliche Klang wird ständig aufgebrochen, stets deutlich bei den Celli. Von den Bratschen dürfte die eine oder andere Philharmoniker-Qualität besitzen. Einige Damen stolzieren in Stöckelschuhen auf die Bühne. Entzückend präzise: die Schlagwerkerin.

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