Wieder im hässlichen Berlin (jaja, Wannsee is schön, Savignyplatz is schön. Aber was ist das gegen Sanary sur Mer?) höre ich die Übertragung des Eröffnungskonzerts des Musikfests 2013 in der Digital Concert Hall.

Das Pittsburgh Symphony Orchestra ist ein tendenziell sehr gutes Orchester.

Man kann Léoš Janáčeks Suite für Streichorchester sehen, wie es das Pittsburgher Orchester heute Abend sieht, als eine Studie in elegantem westslawischem Idiom, das, obwohl besetzungsmäßig karg, virtuos und melancholisch wirkt. Geht auch anders. Alles in allem hinterließ die Suite mich in einem Zustand mittelmäßiger Befriedigung. Ich kann nicht verschweigen, dass ein paar Takte aus „Totenhaus“ besser klingen. Vielleicht war das der Grund, warum ich nicht genau hinhörte. Ein schlanker Bravoruf beschließt die Interpretation.

Witold Lutosławski: Łańcuch 2 von 1986. (Geben wir dem Polnischen die Ehre).

Anne-Sophie Mutter spielt heute Abend im schulterfreien Blauen. Die Arme sind gebräunt. Was hat sie rechts vom Dekolleté? Eine blaue Blume? Eine Sonne? Mutter biegt die erotische Aura, die ihr potenziell anhaftet, in eine Ausstrahlung mönchischer Disziplin um. Der Muskel ihrer rechten Schulter ist mit der Professionalität eines Leichtathleten trainiert.

Zuerst finde ich das Stück besser als die Solistin. Aber ehrlich gesagt, habe ich das „overlapping of the end of one phrase or musical section with the beginning of the next“ (nyphil.org) nicht gehört. So was gibts doch auch bei den Burschen Brahms und Bruckner. Anne-Sophie Mutter produziert auf ihrer Geige einen kopfgesteuerten Klang. Dann höre ich, dass sie abgezirkelten Ungestüm liebt. Das klingt schon besser. Sie produziert Hörzustände, die ich mit Platzangst, Paranoia verbinde. Einige dieser Zustände klingen routiniert. Mein Einwand: Mit gleicher Heftigkeit hätte sie kleinräumiger agieren können. Zuletzt denke ich: Hmm, die Solistin ist besser als das Stück.

Das PSO muss bei Lutosławski noch seine Unschuld verlieren. Das Orchester hätte ein Schimmern verschärfen sollen, bei andauerndem Sirren der Streicher – das glühende und ätherische Ad libitum – die Entscheidung suchen müssen (Lord Nelson: „Desperate affairs require desperate measures.“) Das Stück wirkt prätentiös in mancher Buntheit der Bläser, doch unter einem analytischen Gesichtspunkt überlegen konstruiert.

Tempo: ziemlich genau 20 Minuten.

Die Kamera zeigt Martin Honeck im Profil, die hohe Stirn, die intelligente Nase. Er trägt schwarzen Kittel. Leise Einsätze der Bläser werden mit ausholender Vertikalbewegung gegeben, die etwas Offenes, Erklärendes, aber auch etwas Verbindliches hat.

Strauss‘ Heldenleben habe ich nur bis zum Schluss von „1. Der Held“ gehört. Honeck spielts glatt, seidig, elegant, anti-aufbrausend, in einer Art österreichisch-amerikanisch aufgehelltem Allegretto-Stil. Auffällig das hell strahlende Blech (nicht so makellos, nicht so mühelos wie beim Chicago Symphony Orchestra, aber dennoch nicht schlecht). Dem fehlt n bissl der Charakter, was man auch von den Streichern sagen kann. Dennoch hat mir die Al-fresco-Lockerheit des Pittsburgh Symphony Orchestras bei Strauss sehr gut gefallen. Strauss war die beste Sache heute Abend.

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