Yannick Nézet-Séguin ist ein kurzhaariger, drahtiger, kleingewachsener Mann, der Manschettenknöpfe trägt und dirigiert.

Schostakowitsch, Szymanowski, Mozart.

Das Konzert mit der Staatskapelle hatte eine gute, eine halbgute und eine schlechte Seite.

Zuerst die schlechte. Die Darbietung der Schostakowitschsinfonie (Nr. 5) durch die Staatskapelle Berlin bewies, dass die Staatskapelle nicht das erste Schostakowitschorchester der Stadt ist. Schostakowitsch wird weniger präzis organisiert, artikuliert und präsentiert als der der Hausherren. Das sind die Kritikpunkte. Bemerkenswert immer wieder das zugleich Trost und Trostlosigkeit spendende Melos im Largo. Ist Schostakowitsch der Bruch des 20. Jahrhunderts? Am 26. Juni 2093 so gut wie vergessen (bis auf 1. Sinfonie)?

Die halbgute Seite. Zwischen Schostakowitsch und Mozart schob der Gott der Programmgestaltung Karol Szymanowskis Sinfonia concertante. Diese ist ein wuchtiges symphonisches Geschoss, das die Staatskapelle mit ausufernden orchestralen Klangballungen darbietet. Piotr Anderszewski verschafft sich mit gestochen scharfer, bisweilen gellender Rechter Gehör. Der Eindruck ist, dass Karol Szymanowski ein fantasievoller und scharfsinniger Mensch war. Im Ernst, ein appetitliches Stück Polen. Ich meine die Sinfonia.

Nun zur guten Seite – zumindest was die Staatskapelle betrifft. Mozart A-Dur-Klavierkonzert KV 488.

Die Staatskapelle macht Mozart. Oioioi, wie Matthias Glander mit Nuschel- und Schwerenöter-Klarinette so ein verrücktes Dings bläst (Piano, fis-Moll, ein paar Sekundschrittchen). Mit poetischem Feingefühl spielt Anderszewski den 2. Satz, quasi mit einer Note Novalis. Leisheitsumhüllte Wiederkehr des Themas im Solo-Klavier. Kleine Räusche. Bin vollkommen zufrieden. Finale. Piotr Anderszewski drückt bei lauten Tönen zu sehr auf die Tasten (ein bissl zu viel Gedöns). Die Kontrolle der Tonproduktion könnte größer sein. Scharfer Mitklang. Oder der Flügel war schlecht eingestellt. Außerdem recht viel Pedal. Kurz, Piotr Anderszewski hinterließ einen uneingeschränkt guten Eindruck. Aber keinen sehr guten.

Aber die Staatskapelle reißts raus. Yannick Nézet-Séguin reißts raus.

Nézet-Séguin lässt die Streicher à 10, 8, 6, 4, 3 spielen. Wenig Vibrato. Yannick Nézet-Séguin trägt zudem ein schmales Schlipslein in Schwarz.

Um 22.26 Uhr sind Konzert und Saison vorbei.

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