Heute im Konzert, denn morgen will meine Frau Champions League schauen. Heute schaut sie „24 Kühe und kein Mann“. Deswegen bin ich heute allein in der Philharmonie. Blomstedt bleibt blass bei Beethoven und macht guten Nielsen.

Hauptstück ist die Nielsen-Sinfonie Nr. 5, die einen sehr guten Eindruck macht. 1. Satz: melancholisch strahlende Streicherlinien. Herrlich, wenn es immer lauter wird: ein Gletscher schroffen, nordisch-ekstatischen Jubels. Andreas Ottensamer spielt das einsame Klarinettensolo am Satzende. Wenzel Fuchs‘ Ton hat mehr Charakter, Farbe, Körper, Andreas Ottensamers Ton mehr sahniges Verhauchen, mehr durchtriebenes Schönheitspiano. 2. Satz: Herbert Blomstedt dirigiert mit Übersicht, mit kühlem Kopf. Kühle Farben, intensive Sachlichkeit, Objektivität. Ein Strom massiver, heftiger Kühle. Streicherlinien. Mahlstrom von Motivpartikeln, plötzliche Temporückungen wie bei Sibelius. Auch die Fuge ist reizend, wo doch nach 1830 komponierte Fugen so gut wie immer zähe Angelegenheiten sind (Liszt: „diese blödsinnigen Fugen“).

Adorno anlässlich der Aufführung beim Frankfurter Musikfest 1927: „manchmal unverbrauchter Klang, technisch durchaus respektabel“. Adorno eben. Beim selben Frankfurter IGNM-Musikfest spielt Claudio Arrau Jemnitz, Scherchen dirigiert Berg (Kammerkonzert, Rudolf Kolisch & Eduard Steuermann spielen), Furtwängler neben Nielsens 5. Sinfonie Bartóks 1. Klavierkonzert, Bartók spielt. Kleiner Exkurs in die unwiederbringliche Tiefe des musikalischen Raums.

Wer nicht Fußball guckt, sollte sich morgen die Fünfte anhören.

Herr Rattle, können Sie mal Nielsens Vierte oder Sechste dirigieren?

Pech in der Pause: Auf der Toilette. Die einzige Münze, die ich habe, sind 2 Euro. Naja, mal großzügig sein. Ich trauere immer noch dem freundlichen Toilettenmann vom Erdgeschoss nach, der vor 2 Jahren in Pension ging.

Es hat schon langweiligeren Beethoven gegeben. Aber nicht viel langweiligeren. Blombergs Beethoven kennzeichnet eine gewisse Unflexibilität. Eine gewisse Abneigung gegen extreme oder feine Wirkungen (kein extremes Piano, keine Schärfe in der Bewegung, kein glühende Leuchtkraft, keine interstellaren farblichen Abschattierungen). Das ist sehr sauber, ohne von sozusagen produktiver Sauberkeit zu sein. Die punktierten Viertel des Themas im ersten Satz nicht ganz scharf. Kawumms. Das Adagio – „Sehnsuchtsweite Beethovenscher Empfindung“ (Paul Bekker) – heute mit der Sehnsuchtsenge Blombergscher Empfindung. Ottensamer mit herrgottssakramentem 2. Thema. Dann die herzzerreißende kurze Dolce-Piano-Stelle der beiden Fagotte. Mit Vergnügen die Streicher gehört. Albrecht Mayer blättert beim 2. Thema in der Wiederholung der Final-Exposition Andreas Blau das Blatt um.

Beethoven Streicher: 14, 14, 10, 8, 4. Bässe hinter den 1. Geigen. Celli links Mitte. 2. Geigen rechts. Albrecht Mayer kommt als Erster aufs Podium und spielt sich mit Trillerfigur warm. Der 2. Geiger Helm Birkholz wischt sich beim Applaus die Stirn trocken. Tempomäßig bei Beethoven leichter Zug zur Gemächlichkeit: knapp 35 Minuten. Nix is mit Karajan-Flottheit.

Gute Einführung im Programmheft.

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