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Zu den besonders tief verwurzelten Karfreitagsritualen gehört der Besuch einer Vorstellung des Parsifal. Andere Karfreitagsrituale sind generelles Fasten oder, schlimmer noch, das Essen von Nudeln mit Essigsauce oder, in diesem Jahr ungekannter Märzkälte fast am schlimmsten, ein Spaziergang im Tiergarten. Allen gemeinsam ist, dass sie eine Liebe zu rituellen Handlungen sowie eine leichte Neigung zum Masochismus voraussetzen. Nüscht wie rein in den Karfreitagsparsifal an der DOB.

Philips Stölzls Hyperrealismus zwischen Bitterernst und Genau-so-war’s-Chuzpe gefällt mir noch besser als im Herbst. Die Chorszenen gehören zu den regiemäßig besten, die’s derzeit in Berlin gibt. Donald Runnicles widmet dem leisen Grau-in-Grau-Geschiebe am Ende des Vorspiels zum 1. Akt sowie vorm Karfreitagszauber viel Aufmerksamkeit. Bei der Premiere waren die hohen Geigen vor „Das dankt dann alle Kreatur“ kitschig. Sindse auch heute Abend. Das Vorspiel zum 3. Akt ist a bissl klobig. Das Vorspiel zum 1. erklingt in schottischer Zügigkeit. Das Glaubensmotiv besitzt verwaschene Kontur, grobe Haptik. Zudem gelingt das Unisono von Streichern und Blech wieder nicht. Letzteres wie bei Runnicles öfters bullig.

Die angenehme Überraschung ist der Gurnemanz von Liang Li. Li singt mit feinkörnig und trocken timbriertem Bass einen jungen Gurnemanz. Li setzt seine Stimme mit unangestrengter Natürlichkeit ein. Die schöne, gebärdenreiche Deklamation wirkt Gurnemanz-erfahren, richtiggehend ausgebufft dann das ebenso souveräne wie bedeutungsvolle Herabdämpfen zur Halbstimme („brach ein Unglück wohl herein“). Im 1. Akt anfangs kurzatmig und womöglich nervös, singt Liang Li sehr bald mit Prägnanz, Verve und sorgfältiger Artikulation – wenn auch nicht mit jener niedermähenden Vollhöhe, die René Pape bei „die entsündigte Natur“ zur Verfügung steht. Und das ähnlich niedermähende „Des Grales Wunderkräfte stärken“ singt Liang Li mit künstlich angedrehtem Pathos.

Stephen Gould findet im 3. Akt zu vorbildhafter lyrischer Haltung – eine seiner besten Berliner Leistungen. Wollte man Jonas Kaufmann wirklich nach Strich und Faden, sprich für jeden Takt, Gould vorziehen? Ich nicht. Detlef Roth ist ein Amfortas mit so heller und gesunder Baritonstimme, dass ich kaum glauben kann, dass es so übel um ihn steht, wie er behauptet. Einiges Weniges klingt meckernd („Woher dies heimliche Gefäß?“). Stephen Bronk ist ein gebührend altersmüder Titurel. Samuel Youn ein herrschsüchtiger Klingsor. Violeta Urmana bringt heute Abend so viele Tugenden mit, dass ich nicht sagen kann, welches ihre wertvollste ist. Die weiteren Stimmen sind auf DOB-adäquatem Niveau besetzt. Hervorzuheben sind der kernige 2. Gralsritter von Tobias Kehrer und die Schimmer-schönen Blumenmädchensoprane von Hulkar Sabirova und Clémentine Margaine.

Der Chor steigert sich zu aggressivem Ingrimm. Dank an die sehr guten Chortenöre.

Hier die Kritik des Parsifal an der deutschen Oper 2016 mit Stephen Milling, Diana Damrau und Klaus Florian Vogt lesen!

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