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Der Nachteil beim Siegfried: Man kommt erst kurz vor Mitternacht nach Hause. Der Vorteil: Götterdämmerung geht noch länger. Es gibt zudem Leute, die nicht in Siegfried gehen, weil es dreieinhalb Stunden dauert, bevor die erste ernstzunehmende Frau auftaucht. Und damit zum heutigen Abend. Der RSB-Siegfried liegt auf der Linie der bisherigen konzertanten Wagneraufführungen durch das RSB: exzellentes Ensemble, ausgezeichnet eingestelltes Orchester.

Stephen Gould: Ein Siegfried ohne klassisches Heldentenormetall, aber mit durchsetzungsfähiger Höhe. Ausnehmend tonschöne Stimme in der Mitte und Tiefe. Die Negativa: Stephen Goulds Humor klingt naiv, seine Lyrik brav – außer im Finale des 3. Akts, das Stephen Gould souverän und mit ausreichenden Reserven meistert. Goulds „Selige Öde auf sonniger Höh'“ dürfte keine Brünnhilde dieser Welt in erwartungsvolle Ekstase versetzen. In den schnellen, rezitativ-ähnlichen Passagen der ersten beiden Akte meistert Gould Janowskis Tempo bravourös, doch ab und an hart an der Grenze zum Wörter Verknäulen.

Tomasz Konieczny: Singt statt Juha Uusitalos, den ein Unstern bzw. eine hartnäckige Indisposition zu verfolgen scheint. Koniecznys Wotan ist ein nervöser, autoritär-männlicher, hektischer, drahtiger, durchtrainierter Kleingewachsener, dem realpolitischer Ehrgeiz und fiese Gesinnung eine Herzensangelegenheit sind – besonders wenn Wotan sich aufregt, und das passiert angesichts der hohen Dichte der Fluch-, Verzweiflungs- und Unmutsmotive quasi pausenlos. „Wen ich liebe lass‘ ich für sich gewähren“ klingt bei Konieczny nach Russenmafia, nicht nach Vatergefühlen. Trocken-markanter Schmelz seines Bassbaritons. Konieczny hat eine Art stählerner Kantabilität („Alle ist nach seiner Art“). Die Diktion ist drohend und energisch. Die trompetenhafte Forte-Höhe ist fast zu beeindruckend eingesetzt. Enges Vibrato, das Timbre im Piano leicht säuerlich, die Tiefe gepresst. Erdas Wachrufe im 3. Akt singt zur Zeit wohl niemand besser.

Christian Elsner: Mime, springt für Arnold Bezuyen ein. Elsner singt mehr als Konieczny und Gould und ist ein bissl weniger überzeugend. Die Diktion ist ein bissl weniger vorbildlich als bei Wotan-Konieczny oder Alberich-Schmeckenbecher.

Jochen Schmeckenbecher: Alberich. Trotz seines laxen Umgangs mit den Tonhöhen (nicht im Sinne des Nichttreffens der exakten Höhe, sondern des vorzeitigen Verlassens und verspäteten Erreichens der Tonhöhe), was seinem Singen stets dem Rezitativischen annähert, bietet Schmeckenbecher ein eindringliches Porträt des finster-gierigen Alberich mit intensivem, klangvollem, expansivem, energischem Bariton.

Matti Salminen: Aha, das war Salminen, der eine halbe Stunde auf dem Stuhl hinter dem Orchester lang herumsaß. Ein köstliches „Frass“, einiges brüchig. Ergreifend als sterbender Fafner.

Sophie Klußmann ist ein Waldvogel mit junger, flutender und biegsamer Sopranstimme.

Im ersten Akt gibt es Längen. Im zweiten auch, so interessant rein textmäßig manche Stellen der Dialoge auch sein mögen. Man soll sowas nicht verschweigen. Auf der Toilette hat man die Wahl, das stolze Siegfriedmotiv oder das hektische Nibelungenmotiv zu pfeifen. Die meisten pfeifen das Nibelungenmotiv.

Anna Larsson: eine gute, aber nicht sehr spannende Erda. Umsichtig geführter Alt.

Violeta Urmana: Es ist ihr Debüt als Siegfried-Brünnhilde. Dunkelgoldene Sopranstimme, die Urmana sehr erfahren und wohltuend vorsichtig einsetzt. Flexibles, nicht kleines, aber angenehmes, weil unregelmäßiges Vibrato. Violeta Urmana lässt die Melodie sich entfalten. Lange Bögen. Das Timbre verliert auch in den höchsten Regionen des Aktschlusses nicht an Interesse. Blühen und Jubel in der Stimme – ganz wichtig. Sowohl von der Stimme her wie von der Statur her eine Wagnerheroine.

RSB: Janowski dirigiert straff und sehr genau. Typisch sind sowohl die gediegenen Ritardandi wie die sehr genau gespielten Aktanfänge – ähnlich wie beim RSB-Tristan 2012. Die Einleitung zum 2. Akt ist wohl „träg und schleppend“, wie R. W. das wollte, doch in RSB-typischer Weise klar, selbstbewusst und überhaupt nicht lastend. Das zweimalige Siegfriedmotiv in den Unisono-Posaunen („sehr bestimmt“) klingt wie das unanfechtbare Abstract einer Doktorarbeit über makellose Phrasierung.

Die Einleitung zum 3. Akt („lebhaft und gewichtig“) fabelhaft vorwärtsdrängend. Fabelhaft die Unisono-Streicher vor „Selige Öde auf sonniger Höh'“: sehr sauber, sehr akkurat. Im Feuerzauber fehlen Eros und Schwung. Und ab und an klingts, wie wenn man Partitur liest. Das Tutti ist tendenziell mehr Addition des Einzelklangs als Synthese der Teile. Als Ganzes dirigiert Janowski hervorragend zügig, womit ich bei Janowskis Siegfried-Tempo bin. Janowski braucht für den ganzen Siegfried etwas über 3:41 Stunden. Barenboim brauchte im Herbst 4: 04:30, das ist gutes Knappertsbusch-Tempo. Janowski liegt damit tempomäßig eher auf der Böhm- und Karajan-Linie. Das für die Liebhaber von Hintergrundinformationen.

Im Gegensatz zu den philharmonischen Konzerten besteht das Publikum weniger aus Musikliebhabern, die zu uneingeschränktem Genuss bereit sind, als vielmehr aus Menschen, die sich bewusst sind, dass eine konzertante Wagneraufführung eine mühevolle Aufgabe ist, die mit dem gebotenen Ernst zu bewältigen ist. Wolfgang Thierse telefoniert in der zweiten Pause und ist im 3. Akt nicht mehr da. Schade, beim Siegfried kann man den 1. Akt auslassen, meinetwegen auch den 2., aber keinesfalls den 3.

Wagners Poesie stellt mich hin und wieder vor unüberwindbare Verständnisgrenzen. Was heißt „Schimmernde Wolken säumen in Wellen den hellen Himmelssee“?

Kritik/Review RSB-Siegfried: ein hervorragendes Ensemble und ein von Marek Janowski fabelhaft geführtes Orchester.

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