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Die Kritik vom Neujahrskonzert 2014 hier lesen!

(Hier geht es zur Kritik Neujahrskonzert 2017 mit Gustavo Dudamel)

Berliner Neujahrsmorgen. Nieselregen, is ja klar. Bis 5 auf einer Party an der Hasenheide. Um 1 dem Vietnamesen vom Hamy Café beim Abfeuern einer sagenhaften Raketenbatterie zugeschaut. Um 8 das erste Mal aufgewacht. Um 11 der erste Kaffee. Ein bisserl verspätet das Neujahrskonzert zu schauen begonnen. Ich habe dem Wiener Charme eineinhalb Stunden tief in die Augen geschaut.

Der dirigierende Franz Welser-Möst, der sich von Jahr zu Jahr näher an eine Mahler-Mähne herantastet, ist schon ein Fescher. Sein souveräner, zurückhaltender Dirigierstil gefiel mir sehr gut.

Bei den Unmengen von Walzern und Polkas, die man während eines Neujahrskonzertes konsumiert, fällt die Übersicht als Nicht-Wiener nicht leicht. Ich erinnere mich besonders gut an „Hesperusbahnen“ und „Wo die Zitronen blüh’n“.

Der Hesperuswalzer: Beginnt mit einer Streicherlinie wie ein Frauenarm von Tizian gemalt. Die Wiener Philharmoniker pflegen die Perfektionierung des Ungenauen bis zur Vollkommenheit. Der Klangduktus ist so duftig, das rhythmische Spiel mit dem Dreivierteltakt so souverän, die Linien so schlawinerhaft verschleiernd, fast hätte ich gesagt verbiegend, der sensualistische Reiz so verlockend, dass man auch wenn zehn Mal hintereinander Neujahr und zehn Mal hintereinander Neujahrskonzert wäre, nicht dahinterkommen würde, wie die Wiener das technisch machen.

Wo die Zitronen blüh’n„: Zuerst das blühende pp-Horn der Introduktion, dann die Oboe, dann die Legato-Schleifen, auch Pianissimo, der Geigen. Dann der Walzer. Hmmm, diese aufgeräumte Feingeistigkeit bei den Streichern, diese zuckerschnütigen Streicherseufzer, die von den Wienern Herren – stimmt ja im Prinzip – so unvergleichlich angeschliffen werden. Die klangsensibelst nuschelnden Holzbläser… Ein Genuss jedenfalls, was die Flauschigkeit der Streicherlineatur und die Süße des Bläserklangs anging.

Ich muss gestehen, mein Favorit war ein Außenseiter: das prächtige Lohengrinvorspiel zum dritten Akt.

Der, mit dem ich schaute, ist anscheinend ein Experte auf dem Gebiet der Instrumentenkunde. Er erklärte mir bis ins kleinste Detail die Unterschiede zwischen den Blasinstrumenten der Berliner und Wiener Philharmoniker. Ohne dieses Thema zu vertiefen, sage ich an dieser Stelle nur, es ist eine Wissenschaft für sich.

Das Don-Carlo-Prestissimo war in seiner spinnwebfeinen Galopp-Spritzigkeit beinah schon eine Kuriosität, wie man sie in solcher auf die Spitze getriebenen Delikatesse nie in der Oper hören wird. Es gab einige Österreichiana. Walzer von Hellmesberger und Steyrische Tänze von Lanner sind in Berlin keine geringere Kuriosität als es das Frühwerk von Ligeti vor der Chromatischen Phantasie ist. Die Wiener Ballettmäuse muss man als unromantisch veranlagter Berliner halt über sich ergehen lassen.

EIN Grund, das Neujahrskonzert dieses Jahr zu schauen, war natürlich das in zwei Wochen anstehende Konzert der Wiener Philharmoniker in der hiesigen Philharmonie. Schlichtweg, um Ohr und Herz vom schonungslosen Perfektionismus der Berliner Philharmoniker und dem dunklen deutschen Klangbild der Staatskapelle auf den beseligenden Flauschi-Klang der Wiener umzustellen. Das ist gelungen.

Nächstes Jahr leitet übrigens wieder Barenboim das Neujahrskonzert. Liebe Wiener, den Barenboim aber bitte nicht aus Berlin wegklauen, sonst hört die Freundschaft ganz schnell auf.

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