Silvester in Berlin. Wie immer muss man auf dem Weg zum Silvesterkonzert aufpassen, kein Opfer von explodierenden Chinaböllern zu werden. Wie immer überquert man den Potsdamer Platz, indem man durch Menschenmassen stapft, die den örtlichen Weihnachtsmarkt besuchen. Was 2012 anders ist: Es ist so warm, dass sich selbst Cecilia Bartoli in Berlin froh und munter gestimmt fühlen dürfte. Da kommt Simon Rattle im schwarzen Kittel. Er scheint äußerst aufgeräumt. Auf die Lauscher!

Rameaus Boréades: hypergenau im 3. Satz, trocken-heftig und straff-knackig in den Contredanses, atemlos und heftig im Entr’acte. „Die schenket sich nichts“, wird später ein schwäbelnder Besucher, der vor mir die große Osttreppe des Foyers hinabsteigt, mit Hinblick auf das Engagement der Musiker sagen. Hat einer der verehrten Leser schon einmal Rattle mit Händel erlebt? Moi non plus.

Cecilia Bartoli trägt ein vollkommen grünes Kleid. Hinter einer aparten Schleife auf ihrer Vorderseite kann man so etwas wie einen Pasta- und Spaghetti-Bauch erahnen. Sieh an, C. Bartoli bekommt was Männliches im Gesicht. Jetzt zur Musi. C. Bartoli singt vier Stückerl: das quirlige „Scherza in mar la navicella“ aus Händels Lotario, „Ah che sol … Mʼadora lʼidol mio“ aus Teseo von Rameau, die Schluchz- und Seufzerarie „Lascia la spina“ aus Händels Il Trionfo del Tempo e del Disinganno und eine Händel-Zugabe.

„Scherza in mar la navicella“: Ich höre vollplastische Vollblut-Koloraturlust, durchsetzt mit leuchtend vibrierenden Mezzospitzen. C. B. besitzt im Überfluss, was so selten zusammenkommt: Wohllaut und Nervosität (Magdalena Kozena wäre eine weitere Kandidatin für diese Kombi).

„Ah che sol … Mʼadora lʼidol mio“: Wie ein Raketenwerfer feuert Frau Bartoli Leuchtkaskade auf Leuchtkaskade ab und serviert Triller von tizianischer Leuchtkraft. Wenn man Kritik äußern will, so die, dass sie die Noten noch flüssiger – weniger staccatomäßig – aus der muskulösen Gurgel feuern könnte, als es heute Abend geschieht. Jonathan Kelly (Oboe) dialogisiert subtil. Beim Applaus Küsschen-Küsschen mit Kelly, worum ihn der eine oder andere Musiker beneidet haben wird.

„Lascia la spina“: Oha, costume change, wie Rattle sagen würde. Bartoli jetzt in Lackstiefeln und Rüschenhemdchen. Sie sieht jetzt, nun, ein klein wenig draller aus. Und diese Andeutung von X-Beinen… Genau so stelle ich mir einen furchtlosen Piraten zur Entstehungszeit von Händels Oper vor. Also Lascia la spina – das kenn ich. Die mit kleinen und kleinsten Klangnuancen, die stets auch Bedeutungsnuancen sind, angereicherte vokale Linie bezaubert, nicht nur im Piano, nicht nur Pianissimo, bezaubert aber gerade hier bis zur vollständigen Selbstvergessenheit.

Zugabe aus Händels Amadigi di Gaula. Tarkövi bläst Trompete (ahhhhhhhhh, die zackigen Crescendi), Kelly bläst Oboe, Bartoli singt Mezzo. Wieder eine Raketenwerfer-Arie. Mehr Mezzo-Magic geht nicht. Typisch: die Leidenschaftlichkeit, die die Italienerin darstellt, wirkt für meinen Geschmack immer ein wenig zu sehr der Opern- und Kunstsphäre zugehörig.

Slawische Tänze: Ein paar Streicherstellen lohnen vermutlich schon den Eintrittspreis. Daphnis und Chloé, die Suite Nr. 2, leichtfüßig und mit fröhlicher Perfektion von den Philharmonikern gespielt, habe ich schon im November gehört, selber Ort, selbes Orchester, selber Dirigent. Man konnte sich auf die Feinheiten konzentrieren. Wie sagte Debussy, als er die Philharmoniker gehört hatte? „Man hat es mit Leuten zu tun, die sich ausschließlich damit beschäftigen, ernsthaft Musik zu machen“. Stabrawa Konzertmeister, Máté Szücs 1. Bratsche, Martin Löhr 1. Cello, Pahud 1. Flöte, Wenzel Fuchs 1. Klarinette, Damiano Fagott, Rainer Seegers Pauke. Jaja, „die schenket sich nichts“.

Und morgen sind wir alle 1 Jahr älter, Cecilia Bartoli eingeschlossen. Nur Brahms, Dvorak und wie die Knilche alle heißen, erfreuen sich ewiger Jugend. Haben Sie sich aber auch verdient, wenn man ehrlich ist. Prost.

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