Blaue Stunde für Anna Prohaska // Foto: Monika Rittershaus / staatsoper-berlin.de

Blaue Stunde für Anna Prohaska // Foto: Monika Rittershaus / staatsoper-berlin.de

Wiederaufnahme. Das Augenmerk liegt auf dem Dirigat von Simon Rattle. Rattles 1. Akt war Einspielen, Fingerübung. Rattles 2. Akt war gut. Rattles 3. Akt war he-raus-ra-gend. Die Besetzung mit Röschmann, Kozena, Prohaska, Muff, Kraus war natürlich ebenfalls ein Grund dafür, dass die Berliner sich glatten Fußgängerwegen, verdammt zugigen U-Bahn-Aufgängen und überhaupt einem äußerst wenig kulturellen Wetter aussetzten. Die Inszenierung von Nicolas Brieger hat mehrere gute Seiten. Sie erlaubt dem wertorientierten Zuhörer den ungestörten Genuss eines Meisterwerks aus der Epoche des Jugendstil-Historismus und bietet dem progressiven Besucher genügend Details, um seinen Sinn für das kombinatorische Ausknobeln der Absichten des Regisseurs zu wecken. Interessant hier vor allem der Barschrank in Form einer Weltkugel.

Dorothea Röschmann: Als Marschallin im 1. Akt kaum weniger quicklebendig als Madame Kozena. Steht hauptsächlich aufgrund der weniger steten Stimme klanglich öfters im Schatten der beiden jüngeren, intensiver klingenden Frauenstimmen. Röschmann: kein silbriger Retrosopranzauber – sondern eine Stimme, bei der ich denke: Na, wenn ich Octavian wäre, würde ich noch a bissl (um nicht zu sagen, ein paar Jährchen) bei der Marschallin bleiben. Ihr Bestes kommt zum Schluss. Sehr gut in „Heut oder morgen“, und ein weltmeisterliches „Hab mir’s gelobt“, das ich nie besser gehört habe.

Magdalena Kožená: Ein feuriger, übersensibler Octavian. Beobachtet im 2. Akt mit rasch ins Unermessliche wachsendem Unbehagen den wild flirtenden Ochs. Im 3. Akt gibt Kozena die pseudo-besoffene Wienerin („Die schöne Musi“), die reizende Faxen macht. Ingeniös die Stelle „Es is ja eh als eins“, als herzzerreißende Katzenmusik gesungen. Karikierendes Nicht-Vibrato. Manchmal ist in diesen Passagen des 2. Akts unklar, inwiefern das kaugummiartig gedehnte Vibrato Karikatur oder eben doch keine Karikatur ist. Kozenas Mezzosopran von energiereich abstrahlendem, singulärem Schmelzklang.

Anna Prohaska in Blau, Magdalene Kozena in Schwarz, Dorothea Röschmann mit ungewohnt rotem Schopf // Foto: Monika Ritterhaus / staatsoper-berlin.de

A. Prohaska in Blau, M. Kozena in Schwarz, D. Röschmann mit ungewohnt rotem Schopf // Foto: Monika Rittershaus / staatsoper-berlin.de

Anna Prohaska: Eine hochgewachsene, knochige Sophie. Wird rabiat, als Ochs sich als Trampel outet. Nur ganz am Anfang mit konventionellem Backfisch-Charme. Zuletzt für den Ochs eine Gegnerin auf Augenhöhe. Superb platzierte und sehr genau kontrollierte Stimme von berückender Klarheit. Wie Kozena mit außergewöhnlicher Spielfreude.

Alfred Muff: Ochs. Springt für Peter Rose ein. Meistert als Schweizer nicht nur den österreichischen Dialekt, sondern ebenso die Darstellung des Idealbilds des adelig-österreichischen Landeis. Sehr gut, seine Phrasierung ein Schmankerl. Lässt ein paar Stellen aus. Habe besonders auf „Jetzt wirds frei mir a bisserl heiß“ vergeblich gewartet.

Michael Kraus: Ein imponierender Faninal, dessen reiche stimmliche Mittel in umgekehrtem Verhältnis zur Erfüllung seiner väterlichen Fürsorgepflicht stehen. Idealbesetzung.

Desweiteren Tenor Torsten Süring als Haushofmeister und agiler Wirt, Anna Lapkovskaja als klangvolle Annina, Stephan Rügamer als genauer Sänger, Tobias Schabel als hagerer Kommissar, die kraftvolle Carola Höhn als Leitmetzerin. Michael Markfort verdiente sich einen Extraapplaus als aufmerksamer, großherziger Diener, der zudem Ausdauer beim Schirmtragen bewies.

Simon Rattle: Im 1. Akt stellenweis aufgekratzt-nervös und mit Heldenleben-artigen Aufwallungen. Im 2. Akt melodischer, atmender. Der 3. Akt liegt vom 1. Takt an wundersam im Ohr. Das Vorspiel von umstandsloser Straffheit. Die 1. Szene des 3. Akts verliert alle lederne Lustigkeit. Der ganze 3. Akt ist von vorne bis hinten entzückend, als Musik heute Abend den zwei vorangehenden Akten ebenbürtig, wenn nicht überlegen. Typisch: Rattles energische Analytik. Die Art, wie Rattle die Instrumentation herausarbeitet, kann von spaltender Härte sein. Die FFF- Sechzehntel nach „Ecco! Ecco“ klingen nicht anders wie jene Stelle in Salomé, wo Jochanaan geköpft wird. Die Einleitung zum 3. Akt vielleicht nicht „so schnell als möglich“, wie die Partitur unbarmherzig fordert, doch herrlich klar und genau von der Staatskapelle gespielt. Anklänge in Farbe und Rhythmus an Janacek, Prokofjew (beim Abgang vom Ochs, 3 Akt, genau da, wo in der Partitur „von hier ab schreien alle wild durcheinander“ steht) und Schostakowitsch („sempre prestissimo“, als Faninal umkippt). Grell in den Höhepunkten, bspw. schon im 2. Akt beim Erscheinen des Rosenkavaliers. Nicht zuletzt Rattle ist es zu verdanken, dass der Rosenkavalier nicht auf die verführerische Formel „Reife Frau liebt jungen Lümmel“ zu reduzieren ist. Ein paar kleine Striche, wenn ich alles richtig mitbekommen habe.

Ein Publikum, das ein bissl klatschfaul war.

Fazit/Review Rattle Rosenkavalier Staatsoper: wird besser, je länger er dauert. Wird wahrscheinlich in den Folgevorstellungen auch noch immer besser.

Besetzung: Dorothea Röschmann Feldmarschallin, Magdalena Kožená Octavian, Alfred Muff Ochs, Michael Kraus Faninal, Anna Prohaska Sophie, Carola Höhn Leitmetzerin, Torsten Hofmann Valzacchi, Anna Lapkovskaja Annina, Stephan Rügamer Sänger, Tobias Schabel Kommissar, Torsten Süring Haushofmeister Marschallin, Michael Smallwood Haushofmeister Faninal, Narine Yeghiyan Modistin, Michael Markfort Diener der Marschallin, Tobias Schabel Notar, Torsten Süring Wirt, Mario Klischies Leopold

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