Ein sehr guter, doch kein überragender Maskenball aus der MET – auf Bayern Klasik reingehört. Sondra Radvanovsky wird ihrem Ruf als Verdisopran gerecht, Marcelo Álvarez seinem Ruf als ein führender Tenor mit Stärken und Schwächen.

Marcelo Álvarez: Heller, leichter Tenor. Hmmm… In „La rivedrà“ (Cantabile) phrasiert Álvarez eckig. „Di‘ tu se fedele“ singt Álvarez mit burschikoser Aufgeräumtheit und Vokal-Einfärbungen. Seine Ausbrüche („Amelia ah dessa ancor“) ohne rechte Glut. Neutrales Timbre. Duett 2. Akt: Freimütigkeit statt Eleganz, unelegant angesprungenes „istante“ (H). Das flehentliche „Un sol detto“ klingt, als wärs von einem erstverliebten Teenager – entzückend. Farblose, aber sehr sicher klingende Höhe (siehe die vielen weiteren H’s). Schade, dass er hohe Töne selten weich ansetzt. Hauptmanko für mich: Das italienische Gefühl – assasino! sangue!! muori!!! – fehlt. Einige Sachen klingen aber weltklassemäßig.

Sondra Radvanovsky: die kompletteste Stimme des Abends. Das Ass in ihrem Ärmel heißt „Verdistimme“. Frau Radvanovskys Sopran transportiert Gefühl und Leidensfähigkeit. Zu hörenswerten, ebenmäßigen, gerundeten Spitzentönen kommt ein angenehmes Flackern: kleine prickelnde Schärfen in Samt gepackt. Vom Temperament her würde ich sagen: züchtige Glut.

2. Akt: Im Gegensatz zu ihrem Gustavo punktet sie mit konzentrierten, sauber einsetzenden Piano-A’s. Bei den „con dolore“s („che ti resta“, „t‘anienta“) klingt die Stimme wie ein wundes Tier. Die drei „Va“s herrlich gelungen und zudem mit jener Mischung aus Genauigkeit und Unregelmäßigkeit, die fasziniert. Aha: Amelia macht genau das, was alle Verdi-Soprane in höchster Not machen, nämlich auf die Knie fallen und „con passione“ zu beten anfangen. Wenige machen das mit so schönem Eineinhalb-Viertel-Hohem-C.

3. Akt: ihr „Morrò, ma prima in grazia“ ist delikat aber phlegmatisch, anders gesagt: zu sehr phlegmatisch und zu wenig delikat. Die prekären 2 Viertel-Triolen im viertletzten Takt: ebenso. Die großen Bogen kann sie noch nicht („Morrò“).

Kim Kathleen MET Oscar

„Ick bin Oscar“ – Kim Kathleen ausnahmsweise nicht beim Singen // Foto: Devin Cass / kathleenkim.com

Dmitri Hvorostovsky: Anckarström. Hvorostovsky ist kein Stilist. Lässt in „Alla vita“ die Presto-Verzierung auf „patrai-a-a-a-a-a-a“ weg. Ich war schon gespannt, wie der Bass die Presto-Sechzehntel hinter sich bringt. Kühle, klare Schönheit der Stimme. Etwas irritierend bei „O dolcezze perdute“ ist das scheinbar gedrosselte Tempo. Dmitri Hvorostovsky kam nicht auf die Welt, um die Kantabilität auf ein neues Niveau zu heben. Hvorostovsky denkt bei den dolcezze perdute wohl eher an Wein aus Kreuzberg als an Frau Radvanovskys Erotik. Abschließendes B: alles reingelegt.

Kathleen Kim: Agiles, vorwitziges, blankgeputztes Sopranchen, das in „Volta la terrea“ im 1. Akt mit der Flöte um das glockenreinere Staccato wetteifert. Ich erinnere mich: Sie war die entzückende, karatekundige Frau Maos in „Nixon in China„, konzertant in der Philharmonie gespielt vom BBC-Orchester unter John Adams beim Musikfest 2012. 3. Akt: ausgelassene „Tralalas“ und Staccato-„Lalalalalalas“ – letztere fast schon mit Donald-Duck’schem Witz.

Stephanie Blythe: Farbe, Spannung, imposante Höhe.

Fabio Luisi: Er dirigiert rasch, geradlinig, pointiert. Die Ensembles führt Luisi effizient, durchhörbar, mit trockenem Brio. Das Espressivo klingt new-yorkerisch, das heißt wenig ausdrucksvoll. Luisi lässt die Solo-Flöte im Vorspiel des 2. Akts wie einen lustigen Vogel flattern. Radvanovsky bekommt von Luisi viel Zeit für „Ma d’all arido stelo“, aber das folgende Duett wird wieder tempomäßig gestrafft. Nicht ohne Behaglichkeit die Beffardo-Moderato-Passagen des 2. Aktes oder das spöttische „Con eleganza“ wenig später. Mir fehlen Drama und Glut.

Fazit/Review Premiere MET Ballo in Maschera: Sondra Radvanovsky steuert Herzschmerz bei, Marcelo Álvarez tenoralen Eifer, Kathleen Kim frappantes Glöckchentimbre, Dmitri Hvorostovsky Bass-Eleganz, Fabio Luisi trockenes Brio.

Advertisements