Carl Rihas Inszenierung ergeht es wie allen gar nicht so schlechten Tosca-Inszenierungen. Der dritte Akt ist ein Graus. Ist bei der DOB-Tosca nicht anders (damals mit Guleghina, seufz).

Oksana Dyka: Eine Stimme wie ein Lautsprecher. Oksana Dyka hat wenig Gefühl für die Dramatisierung von Gefühl noch viel Sinn für die Ausdeutung des Sinns dessen, was sie singt. Ihren Gesangspart exekutiert Oksana Dyka mit der Feinfühligkeit eines 350-PS-Traktors. Frau Dykas Körpergröße ist eine Herausforderung für die Eitelkeit jedes normal gewachsenen Tenors. Sie agiert mit der Glaubwürdigkeit eines Bauerntrampels.

Neil Shicoff: Einige Buhs zum Schluss, die ungerechtfertigt waren, wenn sie sich auf die Gesamtleistung bezogen, und entschuldbar, wenn sie sich auf den ersten Akt bezogen hatten, in dem Shicoffs Tenor ungewöhnlich tremolierte, sehr unsicher klang, heftig aspirierte („To-hosca, sei tu“) und ein heiser-ausgefranstes „costasse“ ablieferte. Bravouröse „Vittoria“-Rufe im 2. Akt. Neill Shicoffs „E lucevan le stelle“ war die gelungenste Puccini-Tenorarie, die ich seit langem gehört habe, trotz Tempofreiheiten, trotz eines wackligen Takts („le belle…“), trotz Brüchigkeiten (2. Mal „muoio disperato“), trotz Tönen, die nicht in der Partitur stehen und Pausen, die noch weniger in der Partitur stehen. Der Grad der Wahrheit der Darstellung, den Shicoff erreichte, war ergreifend. Klingt Oksana stets, als dirigiere Salemkour zu schnell, so klingt Shicoff öfters, als dirigiere Salemkour zu langsam – wenn auch ausnahmsweise nicht in „E lucevan“, das Salemkour hübsch langsam nimmt.

Thomas J. Mayer: Gewöhnungsbedürftig durch fehlende Tonschönheit. Umso überzeugender, je unsympathischer Scarpia im 2. Akt wird. Ein verlässlicher Textausformer.

Michael Kraus klang als Mesner interessant, ebenso Paul O’Neill als Spoletta.

Julien Salemkour: sehr laut und effektvoll, wodurch Salemkour sich das eine ums andere Mal um die Möglichkeit bringt, dramatische Steigerungen hinzubekommen. Aber mit gutem Sinn für die heftige Farbigkeit und Bewegtheit der Partitur. Einiges hört sich an wie aus Schönbergs Kammersymphonie (frei liegende Streicherstellen und Solostreicherstellen), was als Lob Salemkours zu verstehen ist. Gelungene Schlusstakte. Sehr schön die Staatskapelle vor Stellen wie „Ora stammi a sentir“ oder „Ed or fra noi da buoni amici“.

Bei Carlo Riha lehnt der Carceriere Cavaradossis Ring im 3. Rang ab, das Libretto lässt ihn den Ring annehmen. Es bleibt doch immer noch eine der genialsten Personeneinführungen der Operngeschichte, wenn die so unglücklich eifersuchtsverstrickte Tosca ihr Erscheinen mit diesen famosen „Mario, Mario“-Rufen ankündigt.

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