Musikfest. Nicht ganz ausverkauft.

Das mythische Koninklijk Concertgebouworkest Amsterdam. Es bekommt betont herzlichen Willkommensapplaus an einem Spätsommerabend, der von unberlinischer Freundlichkeit und Wärme ist. Oboist Lucas Macías Navarro ist nicht da. Wo sind die Niederländer? Ich schaue genauer hin und entdecke zwei Herren, deren Aussehen darauf schließen lässt, dass sie mit ziemlicher Sicherheit Niederländer sind. Einer ist der Pauker (Marinus Komst, schätze ich) und der andere einer der Pianisten in der Psalmensymphonie.

Das Concertgebouworkest. Die Musiker dieses Orchesters sind die Meister des präzisen Klangs. Ihr Klang ist genauer gefasst als der jeden anderen Orchesters auf der Welt. Strawinskys Psalmensymphonie war in dieser Hinsicht der Höhepunkt des Abends. Die Soloflötistin ist eine Wucht (Emily Beynon). Mariss Jansons sieht beim Dirigieren aus wie mein Onkel beim Anzünden des Grills: in Falten geworfene Stirn, verengte Augenschlitze, hochgezogene Brauen, der Mund vor Anspannung geöffnet, und dann ein Grinsen, wenn die heikle Aktion gelingt.

Barbers Adagio: Komponiert nach dem Lohengrin-Prinzip. Leise anfangen, lauter werden, wieder leise werden. Super Bratschen. Den Höhepunkt bekommt niemand außer dem Concertgebouworkest so treffend und körperlos hin. Vielleicht etwas kühl. Die Berühmtheit, die das Stück umgibt, erklärt sich dennoch nicht zur Gänze.
Varèses Amériques: Nach der vierten Sirene kenne ich den Effekt. Kein Wunder, dass es die Sirene nicht in den Kreis der Orchesterinstrumente geschafft hat. Nach dem siebenten Wumms in Teil 3 finde ich Amériques zu lang. Besser, man hält sich an die haarsträubende Posaunen-Akrobatik. Ein Schlagwerker der Philharmoniker ist da. Er wollte sich das Schauspiel seiner schuftenden Amsterdamer Kollegen nicht entgehen lassen. Die sieben Japaner in der Reihe vor mir sind von Varèses Stück jedenfalls entzückt. Die Berliner bekommen die Mega-Wummse brachialer hin.

Schönbergs Überlebender aus Warschau. Das Werk erklang adäquat umgesetzt. Wenn man das Stück hört, könnte man zu der Auffassung kommen, Schönbergs expressionistische Phase sei allein dazu da gewesen, im Überlebenden aus Warschau dieses Niveau zu erreichen. Bei Schönberg spielt der junge Schlaks mit der gigantischen Tolle mit, der eigentlich Berliner Philharmoniker ist.

Ich erspare mir heute einen allgemeinen Vergleich mit den Berliner Philharmonikern, besonders mit dem Klang der Berliner.

Kritik/Review Concertgebouworkest: Perfekt, aber wie immer beim Royal Concertgebouw-Orchester exekutieren die abgöttisch guten Musiker zu viel und lassen sich zu wenig gehen.

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