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Sieht so eine schwindsüchtige Näherin? Anna Netrebko als Mimì // Foto: Silvia Lelli / salzburgerfestspiele.at

So sehen Opernsänger in einer vergurkten Inszenierung aus: Anna Netrebko mit rosa Hütchen, Piotr Beczala mit coolem Hut // Foto: Silvia Lelli / salzburgerfestspiele.at

Jessas. Das philharmonische Sommerloch. Es wird einfach nicht kleiner. Wochen, fast hätte ich gesagt Monate, bis zum Saisonstart der Berliner Philharmoniker. Vor lauter Faulenzerei wage ich einen Blick über Panke, Landwehrkanal und Teltowkanal bis runter zur Salzach. Oha, heute 31 Grad in Salzburg.

1. Akt

Piotr Beczala: Beczala singt so gut wie eh und je. Das Hauptmankos sind nach wie vor das fehlende charakteristische Timbre, das mir heute zudem immer wieder künstlich italianisiert vorkommt, und die emotionale Zurückhaltung. Außerdem kann sein Italienisch nun wirklich nicht glutvoll genannt werden. So was kauft man sich ja auch nicht eben Mal beim Spätkauf um der Ecke. Ich finde Beczala bei Verdi besser. Die besten Passagen Beczalas sind jene, in denen die Herren Puccini, Illica und Giacosa eine gewisse Lebhaftigkeit des Vortrags zumindest nahelegten und Beczala gar nicht anders kann als auch lebhaft sein. Und dann geht’s los: ein enttäuschendes „che bella bambina“ mit geheimnisloser letzter Silbe. Beczalas „Che gelida manina“ klingt sehr sauber, sehr korrekt, wunderschön in den Passagen, die zugleich lyrisch und heroisch sind („ed i miei sogni usati“). Aber komplett ohne Pepp halt. Vokale Gesten wie das angedeutete Lächeln in „aspetti, signorina“ haben in etwa so viel Spontaneität wie vormals ein sowjetischer Fünfjahresplan.

Das zweite „chi son“ holt Beczala ganz gut ins Piano zurück. Das hohe C in „speeeEEEEEraaaanza“ ist prima integriert. Daniele Gatti lässt es am Pult aber auch sehr langsam angehen. Beim „Due ladri“-dolcissimo ist Gatti gar nicht mehr weit davon entfernt, von Vorwärtsgang auf Rückwärtsgang umzuschalten. Da machte Gustavo Dudamel dem Jonas Kaufmann schon mehr Dampf unterm Hintern (Unter den Linden, 2008). Keine Bravos.

Ganz neuer Kleidungsstil: Anna Netrebko in Strickjacke // Foto: Silvia Lelli / salzburgerfestspiele.at

Ganz neuer Kleidungsstil: Anna Netrebko in Strickjacke // Foto: Silvia Lelli / salzburgerfestspiele.at

Anna Netrebko: Die dunkelste Mimì-Stimme, die ich wahrscheinlich je gehört habe. Für die österreichischen Tontechniker dürfte es eine durchaus heikle Aufgabe sein, die Mikrofonpegel flexibel an Netrebkos schwergewichtigen Tonumfang anzupassen. Nachdem „son tranquilla i lieta“ – gesungen mit Anfang-Vierziger-Stimme – noch mindestens zum Schmunzeln verleitet hatte, kommt dann so langsam mal Bewegung in die Sache. Wegen Netrebkos „Mi piaccion quelle cose che han sì dolce malìa“ lohnt es sich wahrscheinlich, die Preise zu zahlen, die man in Salzburg zahlt. Die komplizierte Gefühlstranszendenz in „di primavere“ – wo die Flöten so schön trillern – verfehlt sie meiner Meinung nach.

Wenn ihr Sopran nach dem auch ganz schön erschütternden „ma quando vien lo sgelo“ in den Himmel klettert, hört man zwar keine Vokale im landläufigen Wortsinn mehr, aber eine Glutspur, die zur Zeit nicht ihresgleichen haben dürfte. Auch keine Bravos. „Obbedisco, signore“ soll nach einhelliger Meinung von Puccini, Illica, Giocoa und Netrebko ironisch klingen, macht es aber heuer aber nicht. Schwamm drüber, Netrebkos „Io t’amo!“ ist exzellent, jedes Milligramm von Netrebkos Stimme dürfte hier, in die ästhetische Sphäre transferiert, ganze Zentner wiegen. Zum Aktschluss zwei, drei Bravos.

2. Akt

Mansarden-Tristesse à la Salzburg: Piotr Beczala und Anna Netrebko // Foto: Silvia Lelli / salzburgerfestspiele.at

Mansarden-Tristesse à la Salzburg: Piotr Beczala und Anna Netrebko // Foto: Silvia Lelli / salzburgerfestspiele.at

Stellenweise hat es hier schönste Opernstellen. Stellen wie nach „Una cuffietta a pizzi, tutta rosa, ricamata“ und mehr noch nach „Io t’amo tanto“ bringen mich immer an den Rand von… naja, lassen wir das.

Nino Machaidze: Die Paradestelle „Quando men vo soletta per la via“ offenbart so manche Ähnlichkeit mit Netrebko: eine nicht ganz leichte, nicht ganz bewegliche, gar nicht kleine Stimme. Und doch kommt es soweit, dass Mangel an Schönheit des Vibratos, an Tonrundung und an kecker Höhe „Quando men vo“ in einen Krümelhaufen verwandeln.

Daniele Gatti, den ich glaube ich noch nie live gehört habe, leitet verlässlich, doch ohne der Aufführung seinen Stempel aufzudrücken. Berückende Bläserstellen. Im Winter kommen die Wiener glücklicherweise wieder nach Berlin. Die Bohème kann man ja wie ein Streichquintett anhören, was heute Abend besonders zutrifft.

OK, um 9 geht es weiter.

Akt 3 & 4

So leiden russische Sopranistinnen // Foto: Silvia Lelli / salzburgerfestspiele.at

So sieht es aus, wenn russische Sopranistinnen an Schwindsucht sterben // Foto: Silvia Lelli / salzburgerfestspiele.at

Weiter gehts mit Mimì-Netrebko. Bei „Il mio ROOOOdolfo mi strugge per gelosia“ hätte ich mir aufm H mehr Liebe gewünscht, dann hätten es auch ein paar Phon weniger getan. Übrigens ein wenig wackelig, dieses H, dafür mit wunderschönem Leisewerden am Ende der Phrase. Im „Donde lieta usci“ (Lento molto) stellt mich Anna Netrebko vor ein Rätsel. Sie klingt im gleichen Moment kostbar und spannungslos. Das ist ähnlich attraktiv wie ein Gucci-Täschchen der Vorsaison. Das sahen die zahlreichen Gucci-Trägerinnen im Publikum ebenso: verhaltener Applaus. Bei „ricOOOrdo d’amOOOr“ hat das laute H („O“ Nr. 1) die Empfindungsfähigkeit einer Trompete, das leicht abgeblendete A („O“ Nr. 2) schillernde, rassige Emotionalität.

Piotr Beczala gefällt mir jetzt viel besser. Der lockere, beschwingte Beczala („Gia una altra volta“) ist der zweitbeste Beczala, den es heute Abend gibt. Ts,ts, das „Invan“ schleift er in astreiner Tenor-Marotte vom E aufs A genüsslich von unten an. Der beste Beczala heute Abend ist der von „ho paura, ma ho paura“. Ein Knaller: nicht zu laut, eher langsam, mit einer wohlkalkulierten Zurückhaltung, die mich vom Hocker reißt. Vielleicht mit einigen Stellen aus dem Villazón-Liebestrank die schönsten Tenorstellen der letzten 12 Monate. Da verzeihe ich gern den Schlenzer bei „ma ho“. In diesen Momenten ist Beczala deutlich eindrucksvoller als Netrebko.

Die Inszenierung sieht aus der Ferne unterirdisch aus.

Applaus von berufener Stelle für die Wiener Philharmoniker // Foto: Silvia Lelli / salzburgerfestspiele.at

Applaus von berufener Stelle für die Wiener Philharmoniker // Foto: Silvia Lelli / salzburgerfestspiele.at

Kritik/Review: Ob Salzburg nun der richtige Ort für eine Bohème ist oder nicht, sei’s drum. Die Mimì ist mit Sicherheit nicht Netrebkos Paraderolle – jeder halbwegs fantasiebegabte Mensch kann sich Frau Netrebko als mittellose Näherin ebensowenig vorstellen wie Prinz Harry als Chefdirigenten der Berliner Philharmoniker – doch ihre Stimme hat unzweifelhaft Saft, Lust und Energie für Puccini. Piotr Beczala kann es halt. Immenses Können, große Tonschönheit, so ein bisserl fehlt ihm der Charme. Der sich rein auf die akustischen Fakten stützende Eindruck ist der, dass dieser Bohème die Mitte, die Seele fehlte.

Dirigent: Daniele Gatti / Besetzung: Piotr Beczala (Rodolfo), Anna Netrebko (Mimì), Massimo Cavalletti (Marcello), Nino Machaidze (Musetta), Alessio Arduini (Schaunard), Carlo Colombara (Colline), Davide Fersini (Benoît), Peter Kalman (Alcindoro), Steven Forster (Parpignol)

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