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Livesendung des Bayerischen Rundfunks aus Bayreuth, 16 Uhr, Samstag. Immer noch höllisch heiß hier in Berlin. Tannhäuser volle Dresdner Fassung.

Ouvertüre: Thielemann stellt uns den Venusberg tänzelnd vor, so als wäre Frau Venus eine Balletmaus. Das Orchester: nervös-bewegt, überraschend wenig massiv, leichtsinnig-sinnlich. Man kann auch sagen: festlich-aufgeregt, grad so, wie sich die Gäste im Festspielhaus fühlen dürften, falls sie nicht 1. weiblich, 2. gelangweilte Partnerin eines Wagnerianers und somit 3. aus heroischem Pflichtbewusstsein erschienen sind. Die Geigen haben einen sonderbaren hellen Glanz. Haben die Geiger sich mit bayerischem Hefeweizen auf die Vorstellung vorbereitet? Alles in allem ein großes Vergnügen. Dauer der Ouvertüre: 14 Minuten und ein paar Zerquetschte.

Die Venusbergszene war für mich schon immer der heißeste Favorit auf die albernste Sache, die Wagner komponiert hat – kurz vor der Fafner-Szene aus Siegfried.

So blickt dir eine Venus in das Auge: Michelle Breedt // Foto: k.A. / michellebreedt.com

So blickt eine Venus dir ins Auge: Michelle Breedt // Foto: k.A. / michellebreedt.com

Michelle Breedt: Feuriger, gefiederter Sopran. Mit seiner Hilfe feuert Breedt 100%ige Verachtung auf Tannhäuser ab. Breedt spuckt „Zum Überdruß ist dir mein Reiz gediehen“ auf Torsten Kerl aus wie einen abgelutschten Kirschkern. Wunderbar intakte junge Stimme. Delikate Piano-Wagnerspitzen. Aber Standfestigkeit, klangliches Gewicht und Artikulation der Vokale sind zumindest bei Spitzentönen begrenzt.

Ich amüsiere mich darüber, wie Michelle Breedt ihrer Artikulation durch Eindunklung der Vokale Wagnersches Pathos zu geben versucht: „Göliebtör sag, wo weilt dein Sinn“ (vibrierendes „ö“). Habe Breedt im RSB-Tristan unter Marek Janowski gehört, und da gefiel sie mir nur halb so gut wie heute Abend.

Torsten Kerl: Gegenüber der Absichtlichkeitssinnlichkeit der Venusbergmusik, auf die man übrigens nicht jeden Tag Lust hat, wirkt Kerls Tenor wenig sinnlich, noch weniger elegant und ziemlich unsouverän in der Ausgestaltung von Tannhäusers Venusphohie. Enge Höhe und eine wenig olympia-reife Agilität – er lässt den einen oder anderen Vorschlag weg. Dann plötzlich, kaum ist Kerl glücklich aus dem Venusberg entschlüpft: „Mein Heil liegt in Maria“ = feuriges Timbre. „Allmächt’ger, dir sei Preis“ = sehr feuriges Timbre.

Camilla Nylund: singt erst im 2. Akt. Spielte im 1. Akt im Künstlerzimmer vermutlich Playstation.

Thielemann lässt die Streicherlinien meisterlich mäandern. Großes Gefühl für Zusammenhang. Fast kommt mir der raffinierte Strom der Musik etwas schlawinerhaft vor, was an dieser Stelle als unbedingtes Lob zu verstehen ist.

So, 1. Akt zu Ende. Erst mal was essen. Weiter geht es um 17:57.

2. Akt

Elisbeth Camilla Nylund // Foto: k.A. / camillanylund.com

Von wegen „Ich bin tör’ger als ein Kind“: Camilla Nylund in voller Aktion // Foto: k.A. / camillanylund.com

Vorspiel, Thielemann lässt flott und flüssig spielen.

Camilla Nylund: „Dich teure Halle“ ist gut, aber nicht mehr. Ein wildes und sportliches H („Ha-aaalle, sei mir gegrüßt“), ein etwas träges Vibrato. Leicht gleichförmiger Stimmklang, ob sie nun von Halle oder Heinrich singt. Leider wenige Ausdrucksnuancen. Eine der Wunderlichkeiten des Tannhäusers ist es ja, dass Tannhäuser „nix mehr weiß“ von seinem Techtelmechtel mit Venus und Elisabeth ihm auf der Stelle vollsten Glauben schenkt. Vielleicht ist Nylund Thielemanns Tempo ein bisserl zu gemütlich, Nylunds Vortrag fehlt es an selbstverständlichem, flüssigem Tonfall.

Günther Groissböck: eine Pracht. Sein „Noch bleibe denn unausgesprochen“ (Andante) war rein sängerisch der schönste Moment des Abends. Butterweich phrasiert, natürlich im Ausdruck.

Torsten Kerl ganz gut, hin und wieder Nachlässigkeiten beim Halten der Tonhöhe.

3. Akt

Michael Nagy kommt bei mir nicht so gut an und Camilla Nylund klingt auch nicht reizvoller als zuvor. Nagy mag vor Ort runder und souveräner klingen, übers Radio höre ich weniger die respektable, detailgenaue Leistung als die unstete Stimme und den enormen Konzentrationsaufwand („Wie Todesahnung“). Torsten Kerl macht seine Sache in der Romerzählung gut. Tannhäusers Zerknirschungs-Masochismus trifft Kerl ebenso wie dessen Ekel-Empörung. Ich wäre noch glücklicher, wenn Torsten Kerl jede einzelne Note korrekt aussingen würde. Tolles Fortissimo inklusive beeindruckendem Ritardando von Thielemann in den letzten paar Takten.

Die Inszenierung von Sebastian Baumgarten schaut sehr gut aus. Hier alle Bayreuther Tannhäuser-Termine ansehen. Für Leute, denen nach Baumgartens Inszenierung noch einiges unklar ist: unbedingt die 10 meistgestellten Fragen zum neuen Bayreuther Tannhäuser lesen!!

Kritik/Review: Thielemann reißt es raus. Tolles Orchester (klingen weniger nach Berliner Philharmoniker oder Staatskapelle Berlin denn nach Staatskapelle Dresden, bei den Streichern sogar mitunter wienerisch). Thielemann bekommt Tannhäuser souveräner, glücklich machender hin, Thielemanns Holländer fehlte mir Schmackes. Gutes Sänger-Ensemble, doch Sie und ich haben mit Sicherheit schon Tannhäuser mit rassigeren Sängerensembles gehört.

Dirigent: Christian Thielemann / Regie: Sebastian Baumgarten / Besetzung: Torsten Kerl (Tannhäuser), Michelle Breedt (Venus), Camilla Nylund (Elisabeth), Günther Groissböck (Hermann), Michael Nagy (Wolfram von Eschenbach) u.a.

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