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Samuel Youn, Franz-Josef Selig, Benjamin Bruns // Foto: Enrico Nawrath / br.de

Die Anzugträger Samuel Youn, Franz-Josef Selig, Benjamin Bruns singen Wagner // Foto: Enrico Nawrath / br.de

Die Besprechung des 2013er-Holländers gibt es hier.

Diese Hitze. Gott sei Dank sitze ich im Hinterhof, Nordseite. Kreuzberg. Naja, in Franken ist es 4°C kühler. In Berlin herrscht das philharmonische Sommerloch. Danke an den Bayerischen Rundfunk für die Direktleitung aus Bayreuth.

Ouvertüre: Thielemann dirigiert straff, hemdsärmlig-draufgängerisch, flott, Thielemanns Tempo gewährleistet Spannung und Übersicht. Thielemann macht kurzen und guten Prozess mit heftigen Orchesterschlägen. Kritik: Es fehlen Wärme und das Feeling für die Rundung des Klangs, die mehr wären als Vollklang und Imposanz. Imponierendes Tutti.

Die Tuba krächzt etwas vor dem Auftritt des Holländers.

Samuel Youn: Licht und Schatten, aber mehr Licht. In „Ich frage dich gepriesener Engel Gottes“ missfällt der flehentliche Ausdruck. Youn ist souveräner im klangstarken Ausbruch als im unterdrückten, mühsam gesammelten Singen. Letzteres bleibt oft Stückwerk – siehe das schwache „Dich frage ich, gepries’ner Engel Gottes“ oder auch das tastende Mezzavoce „Wie aus der Ferne“. Den Höhepunkt auf dem F in „Ihr WEllen, endet euren Lauf“ bringt Youn vortrefflich. „Durch Sturm und bösen Wind verschlagen“ und später „Was frommt der Schatz“ klingt jugendlich und frisch, so wie ich mir den Holländer schon öfters gewünscht habe. Zum Beispiel im „Wie? Hört ich recht?“ mit Selig (Allegro giusto), in dem Youn mit holländer-untypischer Kantabilität glänzt. Sehr schön „Ach, ohne Weib…“ Scharfsinnigen Opernfreunden erscheint der Holländer als niemand anderes als das Urbild von George Clooney, und alle Single-Damen dieser Erde sind Senta.

Franz-Josef Selig: Gut. Bäriger Bass. Klasse Leistung: Agilität, Klang, Tiefe sind da. Eine gewichtige Franz-Josef-Selig-Kritik: Den Daland müsste man doch mal anders „anfassen“ denn als pausenlos schwiegerväterlnden Biedermann, der die Bonhomie schon mit der Muttermilch sozusagen kübelweise aufgesogen hat. Schön: singt alle Vorschläge korrekt aus.

Benjamin Bruns: Fein. Ein Steuermann mit einer charmanten, federleichten Tenorstimme. Benjamin Bruns bringt den Steuermann so rüber, als ob er noch etwas grün hinter den Ohren wäre – sympathisch. Hört sich zwischendurch wie ein Meistersinger-David an.

Adrianne Pieczonka: Das Problem bei der Senta ist, erstens eine ziemliche stämmige Sopranpartie und zweitens die Ausstrahlung eines schwer verträumten Backfischs unter einen Hut zu bringen. Um es kurz zu machen, Pieczonka klingt weniger nach Backfisch als nach solider (wenn auch höchst attraktiver) Mittdreißigerin mit entsprechender Lebenserfahrung. Zur Ballade: Adrianne Pieczonkas „Johohohe!“ dürfte weder einem Seemann vom Schlage des Holländers noch abgebrühten Bayreuth-Besuchern Angst einjagen. Die träumerische Extase einer leicht hysterisierten Jung-Norwegerin hört man dieses Jahr in Bayreuth nicht. Dafür aber schönen, reichen Sopranklang – ich höre eine bedeutende Eva-Stimme heraus.

Etwas unsicher, aber verführerisch klangsatt flutende hohe Töne (F und G am Anfang, G und A am Ende). Bei den langsamen Passagen der Ballade wie „fänd‘ er ein Weib, das bis…“ klingt ihre Senta, als ob Thielemanns Tempo ihr doch etwas zu gemächlich wäre. In der anschließenden Szene mit dem armen Erik („Senta! Willst du mich verderben?“) klingt die Sopranistin hin und wieder nach gleichfalls nach Eva, oder sogar nach Elsa – ein Manko, das auf mangelnde Textnähe hindeutet. Adrianne Pieczonka: stimmlicher Luxusdoch ihre Senta könnte noch Senta-spezifischer klingen.

Im Duett „Wie aus der Ferne“ hat ihre schöne Stimme nicht immer  ganz nahen Kontakt zum Partner Samuel Youn.

Vergnügen bereitete auch Christa Mayer als Mary.

Christian Thielemann: außerordentlich präzise und sauber. Hervorragendes Orchester (Hörner, Celli, erste Geigen – ganz schön wienerisch -, eigentlich alles), hervorragend eingestellt von Thielemann. Verschmitztheit und Charme an den richtigen Stellen. Lebendig und ungemein pittoresk die Genre- und Ensembleszenen des zweiten Aktes. Dämonie von Thielemann erwarten wäre nicht weniger vermessen, als vom Papst erwarten, dass er Karate kann. Thielemann, von mir als Dirigent bei den Berliner Philharmonikern stellenweise geschätzt, doch kaum je geliebt, liefert heute Abend in Bayreuth eine Leistung, die Hand und Fuß hat.

Die Inszenierung sah ganz ordentlich aus – jedenfalls aus Berlin.

Die nächsten Bayreuther Fliegenden Holländer im Spielplan 2012 raussuchen.

Kritik/Review Holländer Bayreuth: Sicherlich kein Jahrhundert-Holländer, doch bis in die Nebenpartien hinein vorzeigbar. Samuel Youn sehr interessant. Thielemann bravurös, wenn auch nicht durchgängig meinen Geschmack treffend.

Dirigat: Christian Thielemann / Inszenierung: Jan Philipp Gloger / Chorleitung (Gruß aus Berlin): Eberhard Friedrich / Besetzung: Samuel Youn (Holländer), Franz-Josef Selig (Daland), Adrianne Pieczonka (Senta), Michael König (Erik), Christa Mayer (Mary), Benjamin Bruns (Steuermann)

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