Ich freue mich auf zwei Dinge, wenn ich zu einem Konzert von Anne-Sophie Mutter gehe. Erstens: welches Kleid trägt sie? Zweitens: bleibt die Frisur auch während der Verbeugung am Platz? Zu erstens: Sie trägt schwarz, unten mit Blumen drauf, bekannte Form: eng oben, eng Mitte, eng halb unten, weit ganz unten. Zu zweitens: Die Frisur bewegt sich keinen Zentimeter.

Ich bitte meine Begleiterin um ein Urteil zu Anne-Sophie Mutter. „Was richtig schön ist, dazu fällt mir nichts ein“. Anne-Sophie Mutter spielt souverän konzentriert, ja überragend konzentriert. Fern wie Beethovens Geliebte ist der Gedanke an eine wie auch immer geartete Unterform von Routine. Der Ton ist schlank, verbindet stählerne Kraft im Forte und keusche, selbstbewusste Innigkeit im Piano. Superschönes Piano- und A-tempo-Einsetzen mit dem Hauptthema, und dann entzückendes Dolce ein paar Takte später. Selbstsicheres, lächelndes 2. Thema. Dass die Anne-Sophie Mutter von 2012 das „lusingando“ kurz vorm 3. Thema eher beiläufig souverän als einschmeichelnd spielt, hat was, und dass sie das 3. Thema in der 2. Exposition dann etwas herrisch-hektisch runterschrabbt, hat auch was. Die rasenden Sechzehntel direkt danach waren mir zu steif, was vielleicht daher kam, dass Mutter die erste Note jeder Vierergruppe deutlich hervorhob – einer der wenigen Dinge, die mir nicht gefallen haben.

Die Kadenz – Joseph-Joachim-Kadenz – ist lange Zeit eine konzessionslose Studie in Sinnlichkeits-fernem Ausdruck – wieder ein höchst interessantes gläsernes lusingando, unbeschreiblich geniale Trillerpassage –  und endet als seismografisch schimmernder, süßer Piano-Aufschwung. Ja nun, die Espressivo-Stellen der Kadenz haben Schostakowitsch-Kühle. Bitte mehr davon. Und mancher Dreifachgriff hat den Effekt, als ob der Arzt mir eine Spritze in den Hintern jagt. Liebe Anne-Sophie-Mutter-Kritiker, wer vermeintlich reine Musik genießen will, muss Partitur lesen. Und dabei am besten den Soundtrack im inneren Ohr mithören, der ein Mix aus allen jemals gehörten Interpretationen ist und somit vermutlich das langweiligste und uninspirierteste, was es überhaupt gibt.

Das Adagio fasst Mutter in verhaltene Strenge. Die langsam schaukelnden Sechzehntelgirlanden zu Beginn ihres Einsatzes durchsetzt sie mit abenteuerlichen Temposchlenkern (abenteuerlich ist positiv gemeint). Es lebe die Freiheit der Interpretation. Ihr unglaubliche Autorität ausstrahlender Ton trägt die Selbstherrlichkeit von Mutters Agogik mit und sorgt dafür, dass die Struktur bei aller Beanspruchung durch ebendiese Selbstherrlichkeit intakt bleibt. Sehr, sehr schön. Mutters Hauptthemeneinsatz im Finale ist von kalkuliert-spontaner Gezacktheit. Im Vergleich mit Anne-Sophie Mutter spielt etwa Hilary Hahn wie ein Schulmädchen.

Noch einige Anmerkungen zum Tempo (aus dem Bauchgefühl heraus und pi Mal Daumen). 1. Satz: 1. Thema 100, 2. Thema 110, die Überleitungen und 3. Thema (f, marcarto) 125. In den dolce-/espressivo-Passagen runter bis auf 70, schätze ich – ausgenommen  natürlich noch mal langsamere Phrasenenden. Das Hauptthema, das erste Mal unverziert von Mutter gespielt, sogar nur 60. Das neue Thema (Walzeranklang) in der 2. Exposition ca. 80. Das tranquillo der Coda dann etwa 65. Ist schon beeindruckend, wie gut Anne-Sophie Mutter und Barenboim die häufigen Tempowechsel synchron und ohne jedes Gezerre hinbekommen.

Daniel Barenboim? „Isn Charmeur“, sagt meine Begleitung. Die anschließende Vierte von Brahms ist zu Beginn schon schnell und wird dann immer schneller, insbesondere nach der Reprise im Finale. Ich bin unkonzentriert wie immer, wenn zuvor Mutter spielte. Im Finale Flöte espressivo von Claudia Stein (Themendurchgang 13). So ganz viel geübt haben sie wohl nicht, wie im 1. und 4. Satz an einigen Stellen zu hören war. Wer erleben wollte, wie eine Sinfonie in der Art eines Wasserkessels explodiert, der war heute Abend am richtigen Platz.

Einige Besonderheiten seien vermerkt. Es gab keine Blumen, weder für sie noch für ihn. Das ist bemerkenswert. Es gab keine Zugabe, was womöglich eine direkte Folge der ersten Besonderheit ist. Nachher leuchtet über dem Tiergarten noch der Himmel. Einer huscht auf einen freien Platz in der vierten Reihe, kurz bevor Anne-Sophie Mutter reinkommt. Beim Rausgehen sagt einer: „Brahms is nich so mein Ding.“ Seine Frau trägt einen roten Rock.

Kritik/Review Anne-Sophie Mutter: Gibt es eine bessere?

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