Simon Rattle Berliner Philharmoniker / Barbara Kind, Kate Royal, Christian Gerhaher / Murray Perahia / Rundfunkchor Berlin

Ach herrje. Es war der Abend der kleinen Stücke. Die beiden Berio-Stücke – E vó für Sopran (Barbara Kind) und Instrumente und O King für Mezzosopran und fünf Spieler (Kate Royal) – waren ebenso attraktiv, wie es Schumanns dunkel fließendes Nachtlied war.

Die großen Stücke waren solala. Beim Schumannkonzert lag das am Pianisten, beim Fauré-Requiem am Komponisten.

Das Schumann-Klavierkonzert spielten die Berliner Philharmoniker noch sensibler, noch weniger symphonisch als vor gut drei Jahren. Aufgrund der kargen Besetzung (2 x 10 Geigen, 8 Bratschen, 6 Celli, 4 Bässe) agierte das Orchester wundersam reaktionsschnell. Die Musiker legen Nerven und Sehnen von Schumanns Musik frei. Der Klang liegt in fast schutzloser Weise offen. Und doch schafft Simon Rattle ein nervöses Fließen, das schlichtweg aufregend ist. Es ist ärgerlich, dass Murray Perahia diese Höhe nicht hält. Perahia ist zu laut. Er ist Pedal-fixiert. Er spielt das a-Moll-Konzert mit jener Solidität, die zuerst an poliertes Mahagoniholz, dann vielleicht an goldglänzendes Messing und zuallerletzt an Robert Schumann denken lässt. Mitdenken? Sich Einfühlen? Nicht die Bohne. Dabei hat selbst Frau Merkel unlängst erkannt: „Jeder muss seinen Teil beitragen.“ Es gibt mit Sicherheit fünfzehn Pianisten auf der Welt, die das befriedigender gespielt hätten. Man wagte nicht an Mitsuko Uchida zu denken, die das Konzert 2009 unter Rattle spielte.

Und dann war es soweit. Fauré Requiem.

Ich würde nicht sagen, dass es langweilig oder gar sehr langweilig war. Es war von kaum zu steigender Langweile. Schon ein Blick in die Partitur einige Tage zuvor ließ Schlimmes ahnen. Es gibt äußerst wenige Noten in diesem Stück. Fs und FFs muss man mit der Lupe suchen. Sechzehntel gibts nur sehr vereinzelt.

Die Geigen spielen so wenig, dass man Konzertmeister Guy Braunstein selten anders sieht als mit aufgestützter Geige. Hat Braunstein einen gelangweilten Ausdruck auf dem Gesicht oder sieht so professionelle Geduld aus? Als Andreas Blau nach langer Untätigkeit im „Pie Jesu“ die Flöte in die Hand nimmt, bekomme ich vor Aufregung einen Schweißausbruch. Ich denke: Wow, jetzt kommts. Aber nichts. 3 Takte Pianissimo, 3 Takte Piano, dann legt Blau die Flöte wieder zur Seite. Der bemerkenswerteste Satz des ganzen Requiems heißt „In Paradisum“: Hier spielt die Orgel mit nicht anders als tragisch zu nennendem Stoizimus drei Noten rauf, ein Päuschen, drei Noten runter und dann alles wieder von vorne, und das 58 Takte lang – eine Passage von anfangs staunenswerter und zuletzt sprachlos machender Simplizität, fast hätte ich gesagt Infantilität. Es klingt wie die Geburtsstunde der Minimal Music.

Der Rundfunkchor singt wie stets ehrfurchtgebietend lauter und klar. Kate Royal und Christian Gerhaher gefallen.

Das nicht gerade heißblütige Deutsche Requiem von Brahms ist im Vergleich mit dem Fauré-Requiem eine Chili-Schote, eine Orgie, eine unablässige Folge von unzüchtigen Eingebungen. Man kann von Glück reden, dass das Fauré-Requiem in der Fassung von 1900 gespielt wurde und nicht in der von 1888, die quasi ganz ohne Orchester auskommt. Jessas, hätte man statt dieses Requiems nicht mal was von Furtwängler spielen können, wenn es Rattle schon nach Rara der Orchesterliteratur dürstete? Oder ein paar der ersten Sinfonien von Mozart?

Das Programm war von ausgefuchster Erlesenheit.

Zu meiner Verwunderung saßen nach der Pause die Bratschen links, die Celli mittig, die Geigen rechts.

Luciano Berio E vó für Sopran und Instrumente
Robert Schumann Nachtlied op. 108
Robert Schumann Klavierkonzert a-Moll op. 54
Luciano Berio O King
Gabriel Fauré Requiem (Version 1900)

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