Anna Netrebko hat Probleme mit der Staatsgewalt: So was nennt man Sandwich-Taktik // Foto: Bill Cooper / metoperafamily.org

Anna Netrebko hat Probleme mit der Staatsgewalt: Da hilft auch die ansprechende Verpackung nicht weiter // Foto: Bill Cooper / metoperafamily.org

Osternacht in Berlin. Es schneit. Ich höre Manon auf Ö1.

Man könnte seinen Osterhasen drauf verwetten, dass Massenets Manon eine der derzeitigen Lieblingsrollen Anna Netrebkos ist. 2007 sang Netrebko Manon in Berlin Unter den Linden an der Seite Villazóns (die „Räkel-Manon“), 2010 in London an der Seite Vittorio Grigolos. Von besagter Berliner Manon datieren übrigens u.a. Rolando Villazóns Stimmprobleme. Jetzt zieht die Londonder Produktion an die MET weiter. An Netrebkos Seite dieses Mal: Piotr Beczala. Die zeitversetzte Übertragung aus der MET kommt gelegen als Chill-Out nach Netrebkos Barenboim-Konzert im Februar sowie als Kick-Off für den Röschmann-Netrebko-Don-Giovanni in der Staatsoper im Juni.

Kennen Sie übrigens jemanden, dessen Lieblingsoper Manon ist? Aber was für schöne Stellen da drin sind – diese umwerfende Modulation kurz vor Schluss des 3. Akts, wo die ganze Musik wie ein Erdrutsch abrutscht. Mann, Mann, Mann…

Anna Netrebko ist Manon, die bekannterweise eine Schwäche für teure Möbel mit einer Vorliebe für ältere, solvente Herren verbindet. Netrebkos Stimme ist in hervorragendem Zustand. Bei bewegten, rascheren Linien gefallen mir besonders die glamourösen, honigschweren, man kann auch sagen schwerfälligen Koloraturen. Das ist eben der Segen und Fluch dieses reichen Klangstroms, den Netrebkos üppige Lungen produzieren. Im hervorragenden „Je marche sur tous les chemins“ – ironisches Maestoso -wälzt sich ihr Sopran wie ein heißer Gletscher durch den Text. Netrebko behandelt hier einige Zeitwerte ziemlich frei (Sechzehntelketten, Achtel) und produziert ein hübsches, etwas abgesetztes D am Arienschluss.

Im anschließenden „Obéissons quand leur voix appelle“ muss man schon genau hinhören, um die „i“s von den „o“s zu unterscheiden. Seltener wird man während der Übertragung deutlicher wenn schon nicht mit der Nase, so doch mit den Ohren darauf gestoßen, dass Manon eigentlich einen beweglicheren, lyrischen Koloratursopran verlangt.

Hervorragend ist die gleißende, von keinen Emotionen durchschauerte, quasi schmelzend-glasklare Höhe. Exzellent ist auch die gurgelnde, evokative, in Tizian-Farben blühende Tiefe. Netrebkos Vibrato kam mir jetzt auffälliger vor als im Februar. Die gelegentlich monierten „inexact top tones“ habe ich nicht gehört. Ich habe immer den Eindruck, in ihre Piani würde mehr Herz passen. Das Vergnügen an den physikalischen Möglichkeiten von Netrebkos Stimme ist wie immer größer als das an ihren psychologischen Fähigkeiten.

Piotr Beczala ist auf dem besten Weg zum Dauer-Bühnenpartner Netrebkos. Die beiden trällerten schon in Rigoletto, Traviata und Bohème zusammen. Der Des Grieux ist ein Rollendebüt. Beczala habe ich zuletzt an der Staatsoper Berlin als eindrucksvollen Riccardo gehört. Bombig sind das in der Mittellage reichere, melancholisch verschattete Timbre und die granatensichere Höhe. In der stimmlichen Expansion nicht gerade üppig, im Klang nicht so verführerisch wie Villazón, im Timbre nicht so umwerfend wie Jonas Kaufmann, punktet Beczala dafür mit einer absolut verlässlichen Stimmpräsenz und nie unangenehmem Vibrato. Einiges macht wunschlos glücklich („N’est ce plus ma main, que cette main presse“).

Mir fehlt die allerletzte Ausdrucks-Finesse, auch der allerletzte Phrasierungsinstinkt – ist aber verschmerzbar bei solch einem Material. Singt Beczala einen Tick zu brav? Dann hat Beczala was Nur-Geschmackvolles. Seine flehentlichen „Manon“-Rufe haben irgendwie was Klassisches, Konservatives, und zwar in der vollständigen Einbindung des leidenschaftlichen Ausdrucks in die Linie. Teilweise drängt sich eine Erinnerung an Bergonzi auf, Beczala hat aber nicht dessen verhaltene italiensiche Glut.

Guckt man Bildmaterial an, scheint Laurent Pellys Regiearbeit abgesehen von den umwerfenden Kleidern von Frau Netrebko eine MET-typische Dummheit zu sein.

In der zweiten Pause spricht Deborah Voigt (Aha, eine Luxusbesetzung auch hinterm Mikro – Sie merken, die MET feuert aus allen Rohren) mit Anna Netrebko. Irgendjemand sollte Frau Netrebko darauf hinweisen, dass die Beherrschung des „th“ nicht automatisch bedeutet, dass im Englischen jeder S-Laut als „th“ gesprochen wird. „Es gibt viele Parlandos“ heißt bei ihr: „it’s lot-th of parlandoth.“ „Ich versuche mein Bestes“ klingt so: „Well, I’m trying my beth.“ Und über Piotr Beczala sagt Frau Netrebko: „He is such an amazing thinger“.

Das Orchester ist aller Ehren wert, schöne Solisteneinsätze.

Kritik/Review: Anna Netrebko Manon exzeptionell, Piotr Beczala Des Grieux exzeptionell.

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