Mojca Erdmann // Foto: Bernd Uhlig / staatsoper-berlin.de

Gruppenbild mit Boxer: Mojca Erdmann greift in den Berliner Theaterhimmel // Foto: Bernd Uhlig / staatsoper-berlin.de

Es fehlen der Prolog („Hereinspaziert in die Menagerie…“) sowie je eine Szene aus Akt I bzw. III. Richard Coleman hat die zweite Szene des dritten Akts neu bearbeitet. Macht nichts. Warum nicht? Ich war schon immer dafür, hin und wieder in Tristan was aus Rosenkavalier einzubauen – oder andersherum.

Wolfram Görtz sagt zu Richard Colemans Ergänzungen im dritten Akt: „sehr überzeugend“. Christine Lemke-Matwey sagt: „kapellmeisterliches Zirkeltraining“. Eleonore Büning sagt… na, sie äußerst sich nicht eindeutig. Ich sage, dass die „Berliner Fassung“ in zwanzig Jahren vergessen sein wird.

Die mitleidlose Inszenierung Andrea Berths präsentiert die Oper Lulu als Kammerspiel ohne Gruppen-, doch durchaus mit innerer Dynamik. Wer indes nicht mehr so richtig weiß, was mit wem wann genau in Lulu passiert, der ist bis zur Pause nicht nur damit beschäftigt, sich an das Monochrom-Milieu (hat was!) zu gewöhnen, sondern ebenso, Personal und Handlung zu sortieren. Als Ganzes hat Berths Regiearbeit aber Hand und Fuß. Etwas reißt einen mit. Es ist das Libretto, das von einem Sprach-Glücksfall zum nächsten eilt. Dazu kommt das schlichtweg ergreifende Kierkegaard-Zitat am Anfang. Warum nicht?

Mojca Erdmann: Die Stimme der Sopranistin ist ein leicht gefiedertes Instrument. Das materielose Gasflämmchen, das Mojca Erdmann aus ihren Lulu-haft zarten Lungen pustet, ist der geheime Spiritus dieser Berliner Lulu.

Deborah Polaski: hervorragend. Jedes Milligramm ihrer Stimme ist hörenswert.

Michael Volle: autoritäre Stimme, moribunde Erscheinung.

Gerog Nigls Stimme illustriert den gespannten Bizeps, dessen sich die von ihm verkörperte Figur rühmt, aufs Beste. Thomas Piffkas Alwa besaß Tenor-Spannung, Anna Lapkovskajas Mezzo dunklen Stimmplüsch.

Mojca Erdmann // Foto: Bernd Uhlig / staatsoper-berlin.de

Ob das noch als Päckchen durchgeht?: Mojca Erdmann in Klappmesser-Haltung zwischen zwielichtigen Hutträgern // Foto: Bernd Uhlig / staatsoper-berlin.de

Die Staatskapelle macht aus der Lulu-Partitur einen Bienenstock, der vor zappelnden und wild romantischen Zwölftonreihen nur so summt und wie ein pfeifender Wasserkessel stets kurz vor der Explosion steht. Ein bissl mehr höhere, will sagen abstraktere Zwölfton-Mathematik hätte dem Ganzen gut getan. Oh jessas, die Lulu ist voll superschwerer Musik. Da hatte man es beim Boulez-Abend der Staatskapelle vor einiger Zeit deutlich einfacher. Daniel Barenboim hat seinen Glenn Gould gelesen. Gould zählte Berg schon immer zur Neo-Romantik. Ich höre Salome-Melos („Jochana-an„).

Achim Freyer sitzt mit loderndem Grauhaar und Knitteranzug in der Nähe von Pierre-Laurent Aimard. Freyer haben die endlos charmanten Mätzchen, die Anna Lapkovskaja vollbringt – eine Augenweide -, zweifellos mit tiefer Genugtuung erfüllt, müssen sie ihn doch pausenlos an seinen Eugen Onegin erinnert haben. Auf jeden Fall schien er ausgezeichneter Laune.

Anständig gefülltes Schillertheater, was bei einer festtäglich teuren Lulu gar keine schlechte Leistung ist. Wollten wir nicht alle dieses Jahr etwas Geld sparen, was Opern- und Konzertbesuche angeht?

Lulu: Mojca Erdmann / Geschwitz: Deborah Polaski / Theatergardrobiere/Gymnasiast: Anna Lapkovskaja / Maler/Neger: Stephan Rügamer / Dr. Schön/Jack the Ripper: Michael Volle / Alwa: Thomas Piffka / Athlet: Georg Nigl / Schigolch: Jürgen Linn / Prinz/Kammerdiener: Wolfgang Ablinger-Sperrhacke / Theaterdirektor: Johann Werner Prein / Medizinalrat/Professor: Wolfgang Hübsch

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