Hager, elegant, sparsam: Lothar Zagrosek // Foto: Christian Nielinger / Konzerthaus Berlin

Wolfgang Rihm 3. Doppelgesang (2004) / Morton Feldman Coptic Light (1986) / Christian Wolff John, David (1998) / Wolfgang Rihm Magma (1973)
SWR Sinfonieorchester Baden-Baden und Freiburg / Lothar Zagrosek / Jörg Widmann / Antoine Tamestit / Robyn Schulkowsky

Das SWR Sinfonieorchester ist jenes Orchester, mit dessen Beseitigung der SWR sich in die erste Reihe der irrelevanten deutschen Sendeanstalten zu stellen beabsichtigt. Man gönnt dem Sender („Mit Geduld gegen Heuschnupfen“) die Erreichung dieses Zieles im Grunde gerne. Man würde dem kulturlosen Alphatierchen namens dem Herrn Intendanten Peter Boudgoust, dessen Leitspruch „relevante Angebote zu relevanten Themen“ lautet, gerne dazu beglückwünschen, dass er im Begriff ist, das richtige Mittel zu wählen, um das Ziel schnellstmöglichst zu erreichen, wenn, ja wenn die Angelegenheit nicht ein besonders eklatanter Fall von Kultur-Murkserei und Streben nach Unerheblichkeit wäre.

Zur Musik. Wolfgang Rihms Stücke gefielen, Magma besser als der 3. Doppelgesang. Morton Feldmans Coptic Light ist eines jener Stücke, bei denen ich seit jeher mutmaße, die Musiker spielten nichts als eine Seite, die aber dafür zig Mal dacapo, nur der Dirigent blättert pro forma um, damit das Publikum nichts merkt. Ich höre schöne Timbres des Blechs. Christian Wolffs John, David gefiel halbwegs. Das Stück ist dezent und klingt gut, auch mit den Anklängen an Purcell, Neunte und Parsifal. Ich hätte John, David ohne Solo-Part besser gefunden. Ich hätte die Bläser besser gehört. Wie bei vielen Gastauftritten von Schlagzeug-Solisten bei Orchestern, so hatte ich auch heute den recht sicheren Eindruck, dass die Jungs aus dem Orchester den Solopart besser erledigen hätten können als – in diesem Fall – Robyn Schulkowsky. Wie prachtvoll professionell erledigten der Paukist und der Mann an der großen Trommel in Rihms Magma ihre Arbeit. Die Harfistin konnte einem Leid tun. Sie durfte nur hin und wieder „Pling“ machen.

Antoine Tamestit (Bratsche) spielte sexy, aber breit. Jörg Widmann spielte mit Klasse. Beide waren in 3. Doppelgesang zu hören.

Lothar Zagrosek dirigiert elegant, hager, hinreichend, sparsam. Applaus. Wolfgang Rihm erhebt sich und watschelt Richtung Podium. Aha, zerbeulte Hose, zerdrücktes Jacket – durchaus attraktiv, muss ich sagen. Typisch sind der schlingernde Gang, die eingeschränkten Kopfbewegungen. Unter dem Schädel bewegen sich die kleinen Augen.

Die anwesenden Besucher sind zahlreich. Der durchschnittliche Intelligenzquotient des Publikums dürfte deutlich über dem von Abo-Konzerten der Philharmoniker liegen. Das SWR Sinfonieorchester spielt ordentlich, Mann, immer dieser Berliner Snobismus. Das SWR Sinfonieorchester ist ein Orchester, das über schöne Farben und eine irgendwie badisch-weiche Attacke (der Wein! die Sonne!! Frankreich in der Nähe!!!) verfügt. In der Pause: Es gibt sehr kleine Frauen, viele bebrillte Komponisten und einige Komponistinnen, betagte Angehörige einer unprätentiösen aber effektiven Berliner Kulturelite, schlaksige junge Leute in bunten Outfits und für mich ein Pils.

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