Rolando Villazón Berlin

"In diesem Pulli bekomm' ich jede Frau!" Rolando Villazón im Liebestrank an der Berliner Staatsoper // Foto: Monika Rittershaus / staatsoper-berlin.de

Wer vor zwei oder drei Jahren den Eugen Onegin in Berlin mit Villazón gehört hat, dürfte das Wiederhören mit Rolando Villazón herbeigesehnt und zugleich gefürchtet haben. Villazóns Stimme befand sich in einem labilen, fragilen Zustand, auch wenn sie größter Zartheit und Feuers fähig war. Man litt wie ein Hund, wenn Villazón sich mit einer Art kauender Mundbewegung auf jeden Einsatz vorbereitete. Man litt – mit allen Anzeichen krankhafter Nervösität des abgebrühten Operngehers: verkrampfte Finger, unwillkürliches Vorbeugen, Nervenschocks bei jedem Anflug eines Stimmaussetzers. Am Ende war man nach zwei Stunden Tschaikowskij erschöpfter wie nach fünf Stunden Barenboim-Tristan.

Heute abend steht Villazón in Percy Adlons hübschem Elisire d’Amore auf der Bühne des Schillertheaters. Der Liebestrank ist leichtes Tenor-Gelände. Die Kavatine Quanto è bella fordert ein moderates G, die Romanze Una furtiva lagrima ein As. Dennoch verlangt die sehr enge Höhe Villazóns eine Um- und Eingewöhnung vom Zuhörer. Dann geht’s, besonders weil sich Rolando Villazón in dieser Inszenierung wie der Fisch in Donizettis Wasser fühlt. Sein Temperament sorgt für Lacher und Wärme im Applaus.

Wie damals im Onegin („ty menja ne ljubish“, was neben einigen Stellen Waltraud Meiers aus Tristan zu den unvergesslichen Vokalisierungen der letzten Jahre gehört) finde ich jene Stellen sich unmittelbar aussprechenden sentimentalen Ausdrucks die zwingendsten. Betörende Schönheit der Stimme in der gesamten Mittellage, unvergleichliche Spontaneität und Wärme des Ausdrucks sowie Timbre sind immer noch höchstes Niveau. Siehe sechste Szene, 1. Akt („Perdonate, dottore“) oder vieles andere. Die Höhe, wahr ist’s, ist erschreckend leise und durchschlagsarm, doch immer noch von hoher Eigenart des Timbres. In den Ensembleszenen hat’s der arme Villazón nicht leicht. Es ist die generöse Üppigkeit Anna Samuils von Sopran, die das zarte Pflänzchen von Villazóns Tenor mit der Durchschlagskraft einer Alarmsirene übertönt.

Die Romanze Una furtiva lagrima war anfangs schön, nach hinten raus unstet. Der Applaus war freundlich-reichhaltig. Ein schüchternes Buh wagte sich zwischen eine ansehnliche Zahl Bravos.

Hat Anna Samuil an Bühnenpräsenz gewonnen? Samuils Adina kommt kokett und ernst zugleich rüber. Samuils Spitzentöne schneiden zwei, drei Mal ins Ohr, doch für den komprimierten Klang ihres nicht allzu leichten Soprans muss man sich entscheiden, oder eben nicht. Ich bin dafür. Alfonso Antoniozzi wetteiferte mit Villazón um die schauspielerisch beste Leistung. Alfredo Daza gab dem Belcore Stil. Narine Yeghiyan gefiel durch Lebhaftigkeit. Antonello Allemandi leitete gegen Ende routiniert, die Staatskapelle mag mit nicht allzu vielen Spitzenkräften gespielt haben.

Adina Anna Samuil / Nemorino Rolando Villazón / Belcore Alfredo Daza / Dulcamara Alfonso Antoniozzi / Giannetta Narine Yeghiyan // Leitung Antonello Allemandi

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