Ich mach’s kurz. Es gab zwei Stars des Abends. Der eine war Albrecht Mayer, der andere die Stellen bei Bruckner, die richtig laut sind.

Albrecht Mayer spielt Strauss‘ Oboenkonzert. Das Konzert ist unvorstellbar sicher gearbeitet und überhaupt eine etwas mysteriöse Sache. Es ist sachlich und rätselhaft zugleich. Im subtilen Fließen ähnelt es Strauss‘ wunderbaren Metamorphosen. Albrecht Mayer spielt präzise, konzentriert und unendlich wandelbar im Ton. Christian Thielemann lässt die Philharmoniker entzückend begleiten. Manchmal spielen die Berliner Philharmoniker nur, wenn sie begleiten. Thielemann brachte die Musiker dazu, zu begleiten.

Bruckner, 4. Sinfonie. Zuerst das Schlechte. Der zweite Satz war von Anfang bis Ende langweilig. Unter Thielemann spielen die Berliner eine mit „ausdrucksvoll“ bezeichnete Stelle ausdrucksvoll und eine mit „hervortretend“ bezeichnete hervortretend. Das wars dann. Das Spannendste war Wenzel Fuchs‘ (Klarinette) überraschende kleine Sechzehntel-Aufwärtsskala so um Takt 200. Aber die schönste Stelle des Satzes ist immer, wenn die Hörner nacheinander diesen punktierten Ruf absetzen, alle pp und der Reihe nach, erst Horn 1, dann 2, dann 3, dann 4.

Das Scherzo hatte das nötige Tempo, um zu schmettern. Außerdem erklang es klangsicher ausgehört.

Und damit zum zweiten Star des Abends. Immer wenn es laut wurde, bekam Thielemann beeindruckende Wirkungen zustande. Ich hörte das strahlendste, schmetterndste Es-Dur seit langem. Die Coda von Satz 1 habe ich noch nie so gut zu Ende gebracht gehört.

Thielemann dirigiert musikdienlich, mit bestechender Übersicht, imposant, im Tempo maßhaltend, doch mit einer Prise Zügigkeit, im Finale sogar durchaus zügig. Es handelt sich hier um eine trockene, äußerst gut kalkulierte Imposanz, die anzuhören großes Vergnügen bereitet. Die Steigerungen machen Thielemann und die Philharmoniker mit äußerstem Effekt. Das Tempo im Finale passt hervorragend. Der hinreißende (masochistische) Glanz, den Rattle seelischen Details zu geben vermag, ist Thielemanns Sache indes nicht. Und die Thielemannsche Tiefe, nee, hab ich nicht gehört. Dennoch schere ich nach diesem Konzert flott aus dem Chor derer, die da sagen „Thielemann überschätzt“, aus – Scheitel hin oder her.

Das Orchester spielt gerne unter Thielemann, scheint’s. Die Cellisten und Cellistinnen scheinen richtiggehend glücklich zu sein, wenn sie pizzikieren dürfen. Stefan Dohr am ersten Horn ist viel beschäftigt, spielt unter Rattle aber mit mehr Schmackes. Das ist wohl Andrej Zust neben Dohr. Beim Repriseneinsatz haben 1. und 3. Horn eine Zehntelsekunde lang flatternde Nerven.

Aha, die 1878/80er-Fassung. Bei der Original-Fassung bin ich beim Scherzo immer erstaunt, wenn ich das höre, und bei Thielemann war man heuer generell eher wenig erstaunt, da Erstauntsein keine ästhetische Kategorie ist, zu denen Thielemann ein wichtiges Verhältnis hat. Bei der 1889er Fassung hats drei Flöten, und heute waren nur 2 da. Rattle spielte 2006 die 1886er Fassung.

Bässe links hinten, zweite Geigen vorne rechts. Pahud flötet nicht, Blau flötet nicht, Michael Hasel flötet. Streicher bei Strauss: 6, 6, 4, 4, 2. Streicher bei Bruckner: 16, 16, 10, 8, 8.

Während des Dirigats macht Christian Thielemann stets den Eindruck, als könne ihn nichts vom Dirigierpodest pusten. Während des Applauses wundere bricht Unruhe aus CT hervor. Thielemann springt mit Anlauf aufs Podium. Thielemann umarmt Konzertmeister Guy Braunstein mehrmals mit Heftigkeit, Braunstein scheint so etwas gar nicht gewohnt zu sein. Ein einsamer Buh-Schreier meldet sich zwei Mal zu Wort. Ich war es nicht.

Review/Kritik Christian Thielemann: Kein ganz runder Abend, aber doch ein Abend mit äußerst hübschen (und lauten) Spitzen.

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