Die Kritik zu Le Nozze die Figaro 2014 mit Dorothea Röschmann, Anna Prohaska und anderen hier lesen sowie die Premierenkritik zu Jürgen Flimms neuer Inszenierung am Schillertheater hier lesen.

Seit Monaten einmal wieder in der Staatsoper im Schillertheater. Nachmittagsvorstellung. Daniel Barenboim dirigiert. Die Ouvertüre hinterließ keinen besonderen Eindruck, vielleicht wegen des mittleren Tempos oder vielleicht weil man weiß, dass es 100 Arten gibt, wie die Ouvertüre gespielt werden kann. Oder weil 15 Uhr keine Zeit für einen Figaro ist, oder weil die Musiker noch das Mittagessen verdauten. Im Laufe des ersten Aktes war ich dann zufrieden. Hinter mir bemerkte eine Dame (vorwurfsvoller Unterton), dass das Orchester mit stattlichen 50 Leuten spiele. Ich bin seit Barenboims Don Giovanni 2007 der Meinung, dass die Staatskapelle unter Barenboim den geheimnisvollsten, farbenreichsten, freiesten, reifsten Mozart von ganz Berlin und vielleicht sogar von ganz Europa spielt. Unter den Piano-Abblendungen der abphrasierenden Geigen waren einige erinnerungswürdige Hochkaräter. Die Bläser spielten präzises Parlando, sie rechtfertigten die satten Farben aus der Bewegtheit von Barenboims Dirigat. Die beiden Trompeter hatten immer wieder genug Muße, mit vor der Brust verschränkten Armen interessiert das Geschehen auf der Bühne zu verfolgen.

Zuerst die Damen

Dorothea Röschmann (Gräfin): üppige, schwere, vom kleinen, kraftvollen Vibrato etwas eingeengte Stimme, im sehr schönen Porgi Amor etwas zu wenig vom Ausdruck durchdrungene Höhepunkte, hervorragend dann in einigen anderen Passagen („Sull’aria“).
Christine Schäfer (Cherubino): No so più hat man sinnlicher, atemloser, charmanter und wahrscheinlich besser gehört. Voi che sapete gelang exemplarisch, unter anderem aufgrund der erschütternden Piani.
Anna Prohaska (Susanna): für eine Susanna ist die Stimme für mich zu kühl. Einiges auffällig vibratolos und zudem reichlich ab durch die Mitte gesungen. Die Textausdeutung bzw. Affektdarstellung für meinen Geschmack zu wenig individuell, so etwa im „Deh, vieni, non tardar“. Die zauberhaften Zauberflöten-Sachen, die sie letztes Jahr unter Abbado sang, fand ich ungleich hübscher geflötet.
Narine Yeghiyan (Barberina): ließ aufhorchen.

Die Herren

Vito Priante (Figaro): angenehm gespielt, elegant gesungen.
Artur Rucinski (Graf): gefiel mir deutlich besser als in Eugen Onegin.
Paul O’Neill (Don Curzio): schöne Stimme.
Maurizio Muraro (Bartolo): dito.
Zu Abdellah Lasri siehe Kommentarspalte

Marcellinas Arie „Il capro e la capretta“ wurde gestrichen.

Über die Langhoff-Inszenierung urteilte ich vor einigen Jahren womöglich ungerecht. Heute beeindruckte sie durch sauber entwickelte und poetische Szenen und von leichtem Symbolismus durchdrungene Räume. Die Personenführung hatte wohl nicht mehr ganz die Frische, die die Inszenierung einmal ohne Zweifel besessen haben muss. Anna Prohaska spielte gewohnt lebhaft.

Dirigent Daniel Barenboim / Inszenierung Thomas Langhoff / Bühne Herbert Kapplmüller / Kostüme Yoshi’o Yabara

Graf Almaviva Artur Rucinski / Gräfin Almaviva Dorothea Röschmann / Susanna Anna Prohaska / Figaro Vito Priante / Cherubino Christine Schäfer / Marcellina Katharina Kammerloher / Basilio Abdellah Lasri / Bartolo Maurizio Muraro / Barbarina Narine Yeghiyan / Antonio Olaf Bär / Don Curzio Paul O’Neill

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