Schlagwörter

Der Berliner Winter ist nicht mehr. Stattdessen hört man die Philharmoniker mit einem Programm, das es gestattete, eine Prise Snobismus (Schönberg, Debussy) mit der gesunden Lust am Vergnügen (Dvorak, Elgar) zu verbinden. Ideal wäre gewesen, noch eine Siebte von Beethoven attacca an Elgars Variationen anzuschließen, aber was will man machen? Es war ein Abend ohne pompöse Reprisen und uferlose Sonatenhauptsätze, und wenn es welche gab, haben die Komponisten sie so gut versteckt, dass man sie nicht bemerkte.

Es gab Überraschungen. Debussys zweihufiges Prélude war gar nicht das beste Stück des Abends, Dvoraks Spinnrad war schöner als gedacht, und auf den jugendlichen Rippen von Elgars Enigma-Variationen saß kein Gramm Wagner-Fett – für ein großes Orchesterwerk, dessen Uraufführungsjahr 1899 heißt, erstaunlich und ein unbedingtes Qualitätsmerkmal.

Und damit zu den harten Fakten. Der Abend gewann dadurch, dass Simon Rattle seine Idee eines beharrlich aus den konstruktiven Details geholten, in Schichten aufgebauten und intensivierten Klangs in den ganz unterschiedlichen Charakteren der einzelnen Stücke immer wieder aufs Neue abbilden konnte. Hören Sie mal die ersten Geigen am Ende des Préludes oder die Siedehitze der Streicher bei Schönberg.

Überhaupt Schönberg. Zwei ältere, etwas unmodisch gekleidete Damen unterhielten sich in der Pause. Die eine: „Also der Schönberg, also, ich weiß nicht recht“ (skeptischer Unterton). Die andere: „Jaja“ (zustimmend). Besser hätte das kein Programmheft gekonnt. Bei der Stelle „wild, leidenschaftlich“ hätte ich mich nicht gewundert, wenn ein Musiker aufgesprungen wäre und gesungen hätte: „Der Trank! Der Trank! Der furchtbare Trank! Wie vom Herzen zum Hirn er wütend mir drang“. Der Schluss mit den Tausenden von Zweiunddreißigsteln zieht sich etwas, trotz intermittierender Flageoletts. Und übrigens wird in jedem Programmheft das der Komposition zugrundeliegende Gedicht schlechter gemacht, als es ist. „Sie geht mit ungelenkem Schritt. / Sie schaut empor; der Mond läuft mit“, ist doch gar nicht schlecht. Die Interpretation war eine der besten mir zu Ohren gekommenen der letzten Monate.

Die Musiker spielten den ganzen Abend lang unerschütterlich diszipliniert und gut gelaunt, mit wahrem inneren Schwung, was man an Dvorak ebenso hörte wie daran, dass die Holzbläser je leuchtender wurden, je länger der Elgar dauerte. Farbe und Konstruktion werden vollständig in das fließende Orchester aufgelöst.

In Elgars Enigma Variations hätte ich die Hälfte dessen, was sich da thematisch so tut, für Sibelius gehalten. Die Enigma-Variationen halten verirrte Musikfreunde für einen Angriff auf die menschliche Intelligenz. Starke Gefühle zusammen mit effektiver Pompösität, wasserklare Nüchternheit verbunden mit heroischer Sentimentalität, bewunderungswürdige Lockerheit der Faktur und eine ganz besondere, wahrscheinlich typisch englische Art von metaphysischer Plauderlaune – das alles kennzeichnet das Stück. „…und erspielten ihm lauten Beifall“, wie Adorno einmal an anderer Stelle formulierte.

Kurzum, das Konzert war – insbesondere für Leute wie mich, die nicht die vierte Vierte von Bruckner in der vierten Saison hintereinander hören wollen, vor allem wenn man sie von Rattle und Barenboim schon zu Genüge intus hat – eine nette Möglichkeit, einen netten Abend mit hörenswerter Musik zu verbringen. Leider hat mich erst nach dem Konzert jemand darüber aufgeklärt, dass in der viertletzten Enigma-Variation eine Bulldogge vorkommt, die ins Wasser fällt. Wenn ich das gewusst hätte, hätte ich micht doppelt konzentriert.

Klar, dass heute, vor allem wegen Debussy, Emmanuel Pahud Flöte spielt. Neben ihm Michael Hasel. Jonathan Kelly Oboe (da spielt er das Vierer-Sechzehntel-Motiv in der Dorabella-Variation, und die letzte Note kommt immer so kurz und leise, hmmm), Andreas Ottensamer Klarinette (hübsche PPPs zusammen mit Paukist Rainer Seegers), Stefan Dohr Horn, Guy Braunstein auf dem Konzertmeisterstuhl.

Das Programm war unübersichtlich. Deshalb hier noch mal:

Claude Debussy – Prélude à l’après-midi d’un faune
Antonín Dvořák – Das goldene Spinnrad
Arnold Schönberg – Verklärte Nacht (Fassung für Streichorchester, 1943)
Edward Elgar – Enigma, Variations on an Original Theme

Advertisements